Zuverlässige Entwässerung - »JoyKey« für Blechblasinstrumente

  • 21.09.2011
  • clarino.test
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 3/2011
  • Seite 24-25

Neuerungen auf dem Blechblasinstrumentenmarkt sind mittlerweile rar geworden. Echte Neuerungen zumindest. Denn in aller Regel beschränkt sich die »Neuerung« auf die Modifikation und Optimierung bewährter Teile. Nicht so beim neuen Entwässerungssystem »JoyKey«.Bisher funktionierte die Entwässerung von Blechblasinstrumenten immer gleich: Durch die Betätigung eines Ventils wurde ein Loch im Rohr des Instruments geöffnet, durch das das Wasser abfließen konnte. Dieses Ventil gab es in zwei Versionen: die traditionelle Wasserklappe und die Amado-Wasserklappe. Beide Systeme hatten ihre Vor-, aber auch ihre Nachteile.

Die traditionelle Wasserklappe erreicht in der Regel gute Abflusswerte, da sie über ein großes Loch verfügt. Allerdings kann die Feder brechen, die die Klappe schließt, oder der Kork (oder Gummi) kann sich aus der Klappe lösen. Findige Instrumentalisten überbrücken derlei Malheure mit Tempotaschentüchern, Gummiringen oder ähnlichen Hilfsmitteln. Immerhin lässt dieses einfache System solche Überbrückungsmaßnahmen zu. Den größten Nachteil bei diesem System sehen Kritiker im größten Vorteil: Durch das vergleichsweise große Loch im Rohr kann viel Wasser in kurzer Zeit ausgeleitet werden. Gleichzeitig können sich an dem Loch aber auch Luftverwirbelungen bilden, die dem Spielverhalten des Instruments abträglich sein können.Das andere System, die Amado-Wasserklappe, ist an dieser Stelle weniger gefährdet: Stimmzüge, die mit einer Amado-Wasserklappe ausgestattet sind, haben ein relativ kleines Loch. Zudem ist der Ventilkolben des Systems nah am Rohrblech angebracht, sodass es wenige Luftverwirbelungen geben sollte. Probleme mit der Amado-Wasserklappe gibt es durch die Wartungsintensität: Das System will bewegt und gepflegt werden. Nicht selten sitzt das Ventil fest, und dann wird sogar Werkzeug benötigt, um die Sache wieder flott zu bekommen. Außerdem kann durch das kleine Loch im Rohr des Zuges natürlich nicht so viel Wasser abfließen. Deshalb werden Amado-Wasserklappen selten an großen Blechblasinstrumenten wie Tuba oder Posaune verbaut. Das System wäre mit großen Wassermengen schlicht überfordert.

Neues System mit VorteilenEin neues System soll nur Vorteile bringen: Der »JoyKey«, eine Entwicklung des Hornisten Andrew Joy, sorgt nach Angaben des Herstellers für gute Ausleitungswerte bei gleichzeitiger Verbesserung der Ansprache im Vergleich zu herkömmlichen Wasserklappensystemen. Der Gedanke hinter der Erfindung ist einfach: Das Wasserloch bleibt einfach offen. Zumindest wird es nicht mechanisch verschlossen, sodass das Wasser ungehindert aus dem Rohr austreten kann. Gleichzeitig wird das Loch dauerhaft verschlossen, sodass sich im Inneren des Rohrs keine Luftverwirbelungen bilden können.Dieser augenscheinliche Widerspruch wird durch einen High-Tech-Filter aufgelöst und in die Praxis umgesetzt. Ein Metallfilter leitet das Wasser aus dem Rohr aus und bedient sich dabei eines uralten Prinzips, das auch in der Natur vorkommt: Kapillarkräfte leiten das Wasser aus dem Rohr und durch den Filter hindurch. So kann es kontinuierlich aus dem Rohr tropfen. Luft wird durch die Kapillarkräfte übrigens nicht angezogen, sodass aus dem Filter nur Wasser austritt, keine Luft. Durch die besondere Beschaffenheit und Abmessung des Filterelements wird das Innere des Rohrs so gut wie eben abgeschlossen – Luftverwirbelungen haben hier quasi keine Chance und die Ansprache wird verbessert.

Im Praxistest konnte der »JoyKey« überzeugen. Zugegeben: Es ist ein kleiner Aufwand, das System zu installieren. Der Aufwand hat sich allerdings im Test durchaus gelohnt.Die größte Schwierigkeit für Interessenten an einem »JoyKey« dürfte im Umbau des Instruments liegen. Im Test wurde eine Yamaha-Trompete (YTR-6335 HGII) verwendet, also ein Instrument aus der professionellen Klasse. Für dieses Instrument wurde zum Testzweck von der Firma Yamaha freundlicherweise ein passender Stimmzug zur Verfügung gestellt.Der Gestellbock sowie der Aufbau für das Wasserloch wurde vom Instrumentenbauer entfernt und danach das Basiselement des »JoyKey« angelötet. Das alles ist für den Fachmann und mit dem richtigen Material nur eine Arbeit von Minuten. Ist der Aufbau fertig, wird nur noch der Dichtungsring über das Gewinde gezogen, das Filterelement aufgesteckt und die Überwurfmutter aufgeschraubt. Danach ist der »JoyKey« und das Instrument sofort einsatzbereit.

Ausnutzung physikalischer GesetzeWichtig ist bei der Montage vor allem, dass der »JoyKey« an der tiefsten Stelle des Zuges oder Rohrabschnitts angebracht wird. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Das Kondenswasser im Inneren des Instruments läuft nach unten und sammelt sich an der tiefsten Stelle des Rohrabschnitts. Deshalb muss die Montage hier erfolgen.Schwierig wird es in diesem Zusammenhang bei Instrumenten wie etwa Konzerttrompeten, die die werkseitig montierte Wasserklappe in aller Regel nicht am tiefsten Punkt des Stimmzuges haben (zumindest nicht in Spielhaltung). Natürlich kann die serienmäßige Wasserklappe montiert bleiben, wenn ein »JoyKey« montiert wird, allerdings bleibt dann das Loch als mögliche Quelle für Luftverwirbelungen erhalten und es kann nicht der ganze Nutzen des »JoyKey« ausgeschöpft werden. Hier sollte also entweder ein speziell angefertigter Zug zum Einsatz kommen oder das serienmäßige Wasserloch professionell verschlossen werden.

Prinzipiell ist der Fantasie von Blechbläsern hinsichtlich der Verwendung von »JoyKeys« keine Grenze gesetzt. Der Erfinder Andrew Joy hat an seinem eigenen Horn ganze elf »JoyKeys« verbaut. Damit wird jeder kritische Abschnitt im Instrument ständig entwässert. An einer Trompete oder Posaune sind sicher ein oder zwei »JoyKeys« ausreichend.Zurück zum Praxistest. Der Umgang mit dem »JoyKey« ist gewöhnungsbedürftig. Die Betätigung der Wasserklappe gehört nicht nur zu den Ritualen, die Instrumentalisten vor und nach Einsätzen durchführen. Das »Wasserrauslassen« ist auch eine Art Übersprungshandlung, die Sicherheit vermittelt. Eine Art nervöse Bewegung vor dem Einsatz. Ist keine Wasserklappe vorhanden, greift man unvermittelt ins Leere und ist einigermaßen erstaunt darüber. Aber keine Sorge: Der »JoyKey« arbeitet von der ersten Sekunde des Spiels an, und sogar noch früher: Solange das Instrument in Spielhaltung gehalten wird, der »JoyKey« also an der tiefsten Stelle des zu entwässernden Rohrabschnitts liegt, wird diese Stelle auch zuverlässig entwässert.

Die Ansprache wird tatsächlich nicht verschlechtert, sondern eher verbessert. Das zeigt vor allem der direkte Vergleich des »JoyKey«-Stimmzugs mit dem originalen Stimmzug mit der traditionellen Wasserklappe.Ein häufig vorgebrachter Einwand in Zusammenhang mit dem »JoyKey« lautet: »Aber dann wird ja die Hose ganz nass...« Befürchtungen in dieser Richtung können zerstreut werden: Es gibt kleine Behälter, die das Wasser direkt am »JoyKey« auffangen. Werden diese Tropfenfänger regelmäßig geleert, kann auch der guten Konzertkleidung nichts passieren. An der Funktionsweise des »JoyKey« ändern sie nichts.Theoretisch ist der »JoyKey« unverwüstlich. Allerdings kennt jeder Blechbläser das Problem, dass auch Blechblasinstrumente hin und wieder gereinigt werden müssen, weil sich an der Innenseite der Rohre Schmutz absetzt. Dieser Schmutz beeinträchtigt auch die Funktion und Wirkungsweise des »JoyKey«. Nach Angaben des Herstellers hält ein Filterelement bis zu vier Monate, bevor es ausgewechselt werden sollte.

Und hier stößt der Interessent auf das einzige echte Argument, das gegen den Gebrauch des »JoyKey« sprechen könnte. Ist die Erstausrüstung mit ca. 35 Euro (nur Materialkosten!) noch einigermaßen erschwinglich, schlagen die Ersatz-Filterelemente mit knapp 10 Euro pro Stück zu Buche. Zugegeben: Der Bläser profitiert auch vom »JoyKey«. Aber eine herkömmliche Wasserklappe hat auch im langjährigen Dauergebrauch keine Folgekosten.

Fazit

Der »JoyKey« ist eine interessante Neuentwicklung, deren Nutzen für den Blechbläser auf der Hand liegt. Die Ansprache ohne mechanisch verschließbares Wasserloch wird durch die spezielle Innengestaltung des »JoyKey« verbessert, und das Kondenswasser wird kontinuierlich aus dem Instrumenteninneren entfernt. Das System ist prinzipiell für jedes Blechblasinstrument geeignet, allerdings sind sinnvollerweise an manchen Instrumenten richtige Modifikationen nötig, um in den vollen Genuss aller Vorteile zu gelangen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Wasserklappen ist beim »JoyKey« mit Folgekosten zu rechnen, allerdings stellt der »JoyKey« auch ein System ohne die Nachteile einer mechanischen Vorrichtung dar.

Übrigens wurde der »JoyKey« auch bei –8 °C Ende Januar im Freilufteinsatz getestet. Durch die warme Atemluft und das relativ warme Kondenswasser friert das Filterelement nicht ein. Längere Spielpausen sollten jedoch vermieden werden, damit das Instrument nicht zu sehr auskühlt. Allerdings besteht dann auch die Gefahr, dass die Maschine einfriert, und dann ist ein vereistes Wasserloch das kleinste Problem...

« zurück