Zum Thema Interpretation - Eine kleine praxisbezogene (musik)philosophische Betrachtung

  • 21.09.2011
  • Praxis
  • Wolfgang G.P. Heinsc
  • Ausgabe: 3/2010
  • Seite 18

Zu Chopins a-Moll-Mazurka op.17-4 für Klavier gibt es eine kleine Geschichte, die der in der polnischen Chopin-Tradition aufgewachsene Pianist Bronislav von Pozniak erzählt: »Chopin habe in seiner Fantasie einen kleinen Jungen gesehen, der den jüdischen Klageruf ›Aj Waj‹ ausstößt.« Und in der Tat, man könnte das markante kleine Motiv des Stückes als Wehklage oder Seufzer verstehen. »Irgendein brutaler Mann«, erzählt Chopin weiter, »zwingt ein armes, krankes Kind zum Tanz, und es bricht dabei zusammen.« Die kurze Coda, mit der die Mazurka schließt, soll die Erschöpfung des Kindes schildern. In Polen soll die Mazurka sogar nach einer von Chopin selbst stammenden Bezeichnung »der kleine Jude«« heißen. Lassen wir offen, was daran Dichtung und Wahrheit ist. Auf jeden Fall stimmt sie ein auf eine Komposition von starker Wehmut. Den Wehmutsgedanken als Grundstimmung empfindet auch der Verfasser dieses Aufsatzes, und er stieß damit bei der Anmoderation des Stückes im Rahmen eines Preisträgerkonzerts von »Jugend musiziert« auf vehementen Widerspruch der jugendlichen Solistin. Ihr war wohl die von Jósef Zygmunt Szulc behauptete Deutung wesentlich näher, Chopin habe in seiner Fantasie einen betrunkenen Bauern gesehen, der dem pompösen Hochzeitszug eines Adeligen jammernd zusah, während der Kaschemmenjude diese kleine Lebenskomödie lächelnd betrachtete.

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