Zum 90. Geburtstag des Saxofonisten John Coltrane

  • 30.09.2016
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2016
  • Seite 50-51

Miles Davis hat das modale Spiel im Jazz bekannt gemacht, aber John Coltrane hat es perfektioniert. Er eröffnete damit viele Wege in Richtung Weltmusik, aber auch in Richtung Fusion und Rock.

Miles Davis’ berühmte Platte »Kind Of Blue« (1959) gilt als das erste Album des modalen Jazz. Doch schon im Jahr zuvor hatte die Band des Trompeters (mit John Coltrane am Saxofon) das neue Konzept im Studio erprobt – im Stück »Miles« (auf dem Album »Milestones«).

Improvisieren über Modi

Anstatt einer funktional­harmonischen Akkordreihung zu folgen, bewegt sich dieses Stück abwechselnd in zwei Tonskalen (Modi). Die eine Skala ist ein g-Moll mit großer Sext, die andere ist a-Moll. In Anlehnung an die Kirchenmodi des Mittelalters spricht man von »Dorisch über G« und »Äolisch über A«. Auch für das Stück »So What« (auf dem Album »Kind Of Blue«) hat Miles Davis genau zwei Modi festgelegt: »Dorisch über D« für den A-Teil, »Dorisch über Es« für den B-Teil.

Im Stück »Flamenco Sketches« (auf demselben Album) gibt es eine verbindliche Abfolge von fünf verschiedenen Modi, darunter ein »Ionisch über As« (As-Dur-Skala) und ein »Phrygisch über D« (d-Moll mit kleiner Sekunde).

Zum Improvisieren über Modi meinte Miles Davis 1961: »Es wird zu einer echten Herausforderung, zu prüfen, wie melodisch einfallsreich man sein kann. Ich glaube, es wird im Jazz eine Rückkehr zur Betonung der melodischen Variationen anstelle der harmonischen geben. Zu vieles im modernen Jazz wurde dick von Akkorden.«

Später meinte er (1989): »Ich habe aus der modalen Spielweise gelernt, dass sie dich bei den Improvisationen nicht einschränkt. Man kann sich mehr auf die Melodieführung konzentrieren. Bei der modalen Form musst du melodische Fantasie beweisen.«

Die Botschaft des Daumenklaviers

Innovative Arrangeure wie George Russell und Gil Evans hatten Miles Davis zum modalen Jazz inspiriert. Den wichtigsten Einfluss aber sah der Trompeter beim afrikanischen Daumenklavier: »Eigentlich hatte mich eine Aufführung des Ballet Africaine aus Guinea auf die modale Spielweise gebracht«, berichtet er in seiner Autobiografie. »Mann, es war überwältigend, als ich an diesem Abend zum ersten Mal das Daumenklavier hörte [...] Für ›Kind Of Blue‹ [hatte ich] etwas Ähnliches vor wie das Ballet Africaine – dieses Wechselspiel zwischen den Tänzern und Trommlern und dem Daumenklavier.«

Das Daumenklavier – auch bekannt als Sanza, Kalimba, Mbira – verfügt über eine Reihe von Lamellen, die mit Daumen und Fingern angezupft werden. Die hervorgebrachten Töne ergänzen sich gewöhnlich zu einer pentatonischen oder heptatonischen Skala. Rasch hintereinander gespielt, wird die Skala des Instruments zum modalen »Klangraum«.

« zurück