Zum 30. Todestag von Komponist Giacinto Scelsi: Kreisen um den einen Ton

Er benutzte einen Prä-Synthesizer, nahm seine Improvisationen auf Band auf und ließ sie von Mitarbeitern notieren – unter anderem als Bläserstücke. Giacinto Scelsi war ein faszinierender und geheimnisvoller Einzelgänger. Seine Musik feiert die strömende Energie des Klangs, indem sie tonale Zentren in mikrotonalen Nuancen umkreist.

Eine geheimnisvolle Biografie

Geboren wurde er im Jahr 2637 v. Chr. irgendwo in Mesopotamien, dem Zweistromland, im heutigen Syrien oder Irak. Leider war ihm als Assyrer am Euphrat kein sehr langes Leben beschieden. Mit 27 Jahren wurde er zusammen mit seiner Frau getötet. Zum zweiten Mal lebte er in der Zeit Alexanders des Großen. Bei dessen Beerdigungszeremonie in Babylon im Jahr 323 v. Chr. hat er sogar im Begräbnis-Orchester mitgespielt.

Zum dritten Mal geboren wurde er im Jahr 1905 in Ligurien als ein Conte di Ayala Valva. Sein gräflicher Adel war sizilianischer und spanischer Abstammung. Erzogen wurde er auf Sizilien, wo er unter anderem die Fechtkunst lernte. Schon als Jugendlicher reiste er nach Ägypten und Paris. Als ihm im Alter gelegentlich das Bein wehtat, erklärte er es mit einer uralten Verletzung, die er vor Tausenden von Jahren als Krieger erlitten hätte.

Giacinto Scelsi glaubte an die Wiedergeburt – oder zumindest behauptete er das. Denn er war ein Meister der Desinformation, machte ein großes Geheimnis aus seinem Leben, erfand dafür manchen Fake. Scelsi mochte grundsätzlich keine Journalisten, die Fragen zu seiner Biografie stellten. Es gab auch kaum Fotos von ihm.

Nahezu alle Informationen zu seinem Leben sind daher mit Vorbehalt zu genießen. Angeblich studierte der Graf Komposition in Rom, Genf und Wien, wo Walther Klein (1882 bis 1961) ihm die Zwölftonmusik nahegebracht hat. Ab 1929 hat er komponiert, vor allem Klavierstücke. In Rom soll er Konzerte mit zeitgenössischer Musik veranstaltet haben.

Als das Mussolini-Regime die Werke Schönbergs und anderer jüdischer Komponisten verbot, ging er ins Ausland. Damals könnte Scelsi Indien und Tibet bereist haben, etwa fünf Monate lang. Er soll auch einige Jahre in London mit einer britischen Adligen verheiratet gewesen sein. 1944 schrieb er sein erstes Streichquartett, ein hochkomplexes Zwölftonstück.

Alle Stücke kreisen um einen Ton

Kurz danach geriet er in eine seelische Krise und verbrachte einige Jahre in der Schweiz in psychiatrischer Behandlung. Anschließend war er als Komponist völlig verändert. »Ich wurde krank, weil ich zu viel nachdachte«, sagte er. »Jetzt denke ich nicht mehr.« Die Musikstücke, die er ab 1952 schrieb, kreisen um einen Ton, eine Tonachse, ein tonales Zentrum. Scelsi berief sich dabei auf die Musikphilosophie Asiens.

  • 20.07.2018
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 7-8/2018
  • Seite 52-53

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