Zucken und Krampfen - Auch Bläser bekommen Musikerdystonien

  • 29.09.2011
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2011
  • Seite 10-12

Manchmal muss man als Musiker lange und geduldig darauf hinarbeiten, dass bestimmte schnelle Läufe, komplizierte Grifffolgen oder eine delikate Intonation endlich gelingen. Desto erleichterter ist man, wenn eine Sache dann tatsächlich funktioniert und man sie mühelos und präzise abrufen kann. Und desto katastrophaler ist die Erfahrung, wenn eine oft geübte Stelle, die man sich perfekt erarbeitet hat, ganz plötzlich nicht mehr klappt – und sich auch danach partout nicht mehr meistern lässt.

»Die Symptome kamen ganz plötzlich«, erzählt der amerikanische Pianist Leon Fleisher. »Auf einmal haben sich der vierte und fünfte Finger meiner rechten Hand während des Spielens eingerollt, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Innerhalb von nur zehn Monaten konnte ich nicht mehr mit meiner rechten Hand spielen.« Fleisher galt als Jahrhundert-Talent, konzertierte mit 16 Jahren bereits mit den New Yorker Philharmonikern und machte in den 1950er-Jahren berühmte Aufnahmen für Columbia. Bald nach Auftreten der Symptome – da war er 35 – spezialisierte er sich notgedrungen auf Klavierwerke für die linke Hand. Die Diagnose lautete: »Fokale Dystonie« – eine Störung, die gerade bei häufig praktizierten, exakt eingeübten Bewegungsabläufen in Erscheinung treten kann.

Eine ganz bestimmte feinmotorische Routine wird da mit einem Mal durch Zucken, Zittern oder Krampfen durchkreuzt – und ist danach womöglich für immer verloren. Man kennt solche tätigkeitsspezifischen Kontrollverluste auch bei Vielschreibern (»Schreibkrampf«), bei Golfspielern (»Yips«), bei Uhrmachern, Zahnärzten oder Chirurgen. Am weitaus häufigsten jedoch treten sie im Berufsstand der Musiker auf: Immerhin einer von 100 bis 200 Musikern erkrankt an einer sogenannten »Musikerdystonie«. Rund 80 Prozent der frisch Betroffenen sind klassische Musiker auf Solisten-Niveau, männlich und unter 40.

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