Zehn Jahre Dresdner Bläserphilharmonie

Akustisch überzeugen konnte der 1969 gebaute Dresdner Kulturpalast eigentlich nie. Jetzt aber, fast 50 Jahre später, hält man ihn sogar für "die bessere Elbphilharmonie". Fünf Jahre lang nämlich wurde saniert, der Konzertsaal völlig neu gestaltet und im April 2017 wieder eingeweiht. Hier wird am 14. Januar auch die Dresdner Bläserphilharmonie spielen. Ein angemessener Rahmen zum zehnjährigen Bestehen!

Die Dresdner Bläserphilharmonie und ihr Leiter Stefan Fritzen

Wir treffen Orchestervorstand Annekathrin Kichner, die auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, in München. Seit acht Jahren ist sie dabei, sie kennt die Geschichte der Bläserphilharmonie also fast von Beginn an. Und die Geschichte ist untrennbar mit Stefan Fritzen verbunden.

Der musikalische Leiter der Dresdner Bläserphilharmonie kehrte nämlich nach seiner Pensionierung 2008 in seine sächsische Heimat zurück. 1986 war er aus der DDR ausgereist und hatte in Mannheim die Mannheimer Bläserphilharmonie gegründet und in 20 Jahren zu internationaler Anerkennung geführt.

Heute stellt Stefan Fritzen seine musikalische Leidenschaft, seine Erfahrungen und seine pädagogischen Fähigkeiten jede Woche unentgeltlich der Dresdner Bläserphilharmonie zur Verfügung, trotzdem er noch immer gefragter Dozent und Juror deutschlandweit ist.

Initiatoren für die Gründung des Orchesters waren Menschen, die wie er viele Jahre in Süd- und Westdeutschland gelebt und gearbeitet hatten und mit einer großen Begeisterung für diese Musikgattung, die dort fest im gesellschaftlichen und kulturellen Leben verankert ist, nach Dresden zurückgekehrt waren.

Eine schwierige Gründungsgeschichte

Einfach war das damals nicht. Denn seit nunmehr zehn Jahren gibt es nun die Bläserphilharmonie und sie ist, wie Annekathrin Kirchner anmerkt, "aus dem Nichts entstanden". Die sinfonische Bläsermusik war im Osten Deutschlands nach dem Krieg und während der DDR-Zeit in den Hintergrund gerückt.

Umso beeindruckender ist, mit welcher Beharrlichkeit und Leidenschaft der Dirigent Stefan Fritzen gegen alle Widerstände das Orchester etabliert hat. Widerstände auch deshalb, weil nach seiner Rückkehr nach Dresden viele der entscheidenden Stellen mit den Leuten besetzt waren, die ihn in den 1980er Jahren zur Ausreise aus der DDR drängten. So ganz freiwillig dürfte das nicht passiert sein – dafür ist Fritzen zu sehr Dresdner gewesen und geblieben.

Die Rückkehr und die Gründung der Bläserphilharmonie waren nicht vordergründig, aber dennoch mitunter immer auch eine persönliche Geschichte Fritzens. Er wollte schlichtweg auch zu Hause zeigen, was er kann. Man hatte aber mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

Annekathrin Kirchner bringt es auf den Punkt: "Wir hatten keine Lobby, wir hatten kein Geld – aber wir hatten hohe Ansprüche." Auch nach zehn Jahren hat sich das Bild nicht grundlegend geändert.

Ein ambitioniertes Amateurorchester mit einem pedantischen musikalischen Leiter

Die Dresdner Bläserphilharmonie ist ein großes ambitioniertes Amateurorchester, das überwiegend aus Studenten der TU Dresden besteht, die zu einem großen Teil aus den sächsischen Traditionszentren der Musik (Erzgebirge, Vogtland, Lausitz) kommen.

Gemeinsam mit Menschen aus allen Berufsgruppen haben sie im Orchester eine musikalische Heimat gefunden. Ihr großes Anliegen ist es, die sinfonische Bläsermusik in Dresden und natürlich in ganz Sachsen für eine breite Zielgruppe aktiv oder passiv erlebbar zu machen.

Die Dresdner Bläserphilharmonie lebt von der geballten Kompetenz Stefan Fritzens. Schwer zu beurteilen, ob diese Erfolgsgeschichte ohne den heute 77-Jährigen eine solche geworden wäre. Unwahrscheinlich ist das allemal. Denn natürlich ist die Motivation der Musikerinnen und Musiker von unschätzbarem Wert und natürlich wäre Fritzen ohne seine Musiker aufgeschmissen.

Doch unbestritten ist, dass der Dresdner Kapellmeister durch das Vermitteln seiner Klangvorstellung geradezu Gigantisches schafft. Fritzen probt äußerst diszipliniert, konzentriert und bisweilen gar pedantisch.

Er kann ganz gut nörgeln, ist kritisch und hart gegen sich selbst – doch persönlich wird er seinen Musikern gegenüber nie. Weil es ihm und dadurch auch seinen Musikern immer um die Sache geht. Und diese "Sache" ist wiederum die beste Motivation. Es geht Stefan Fritzen darum, "so gut wie möglich" zu sein.

Das heißt nicht, dass der Maestro mit wenig zufrieden wäre, aber – Annekathrin Kirchner drückt es so aus: "Er hat durchaus Geduld. Er nimmt jeden mit, der sich bemüht!" Fritzen hat auf jeden Fall geschafft, eine Qualität, die er in Mannheim erreicht hat, erfolgreich nach Dresden zu transferieren.

Jubiläumskonzert im Kulturpalast

Nun also das Jubiläumskonzert im neuen Konzertsaal. 1785 Menschen gehen dort hinein und sie können dafür 23 Saalzugänge benutzen. Das Orchester nimmt auf einem 212 Quadratmeter großen Podium Platz. Etwa 100 Millionen Euro hat man sich die Neugestaltung des Kulturpalasts kosten lassen.

Zwar ist das gegenüber der Elbphilharmonie in Hamburg noch vergleichsweise günstig (den Dresdner Kulturpalast hätte man damit fast neun Mal umbauen können...), doch auch dieses Geld will wieder reingeholt werden. Und auch deshalb ist der Kulturpalast nicht nur Heimat der Dresdner Philharmonie, der Städtischen Bibliotheken Dresden und des Kabaretts "Die Herkuleskeule", sondern er wird eben auch vermietet, soll Kulturzentrum im Herzen der Stadt sein.

Der Kulturpalast am Altmarkt ist laut Eigenwerbung "ein Haus der Künste und des Wissens, ein Ort der Begegnung, ein Raum für Kommunikation: der neue Dresdner Kulturpalast weist in die Zukunft". Und weil die Bläserphilharmonie 2008 bei ihrer Gründung als "Stadtkapelle" auch die soziale Komponente im Hinterkopf hatte, scheint sich hier ein Kreis zu schließen.

"Von Anfang an hatten wir einen Fuß in der Tür", schwärmt Orchestervorstand Annekathrin Kirchner nicht ganz ohne Stolz. "Herr Fritzen wollte da unbedingt rein", erzählt sie. Sie betont jede Silbe: "Un! be! dingt!"

Ob er wie weiland Gerhard Schröder mit "Ich will da rein!" an der Pforte rüttelte, ist nicht überliefert. (Als Vorsitzender der Jusos soll Schröder am Gitterzaun des Bundeskanzleramtes mit diesen Worten gerüttelt haben.) Vorstellen indes kann man sich das schon. Der Dirigent ist der festen Überzeugung, dass die Bläserphilharmonie in diesen Saal hineingehört.

Bisher hatte die Bläserphilharmonie ihre "Sinfonischen Bläserkonzerte" im Großen Saal des deutschen Hygienemuseums gespielt. Und das überaus erfolgreich, denn der Saal war auch schon an zwei Abenden hintereinander ausverkauft. Und weil in diesen Saal, der mit zurückhaltender Eleganz besticht, eben "nur" 500 Leute passen, ist der neue Spielort für das Jubiläums- und damit 15. Sinfonische Bläserkonzert eine große Herausforderung.

In den Kulturpalast zu gehen mag ein logischer Schritt sein – und doch ist es ein sehr mutiger. Und die große Herausforderung besteht darin, die etwa 1800 Dresdner für die Bläsermusik zu begeistern – natürlich auch, um die nicht eben geringe Miete bezahlen zu können. Der momentane Hype um den neuen Saal kommt da nicht ganz ungelegen.

Das Programm »Bacchanale«

Begeistern will man natürlich nachhaltig und über den 14. Januar hinaus. Vor allem musikalisch. Dafür hat sich Stefan Fritzen ein Programm mit dem Titel »Bacchanale« erdacht, was den Festcharakter dieses Konzerts in einem der besten Konzertsäle Deutschlands unterstreicht.

Neben der gleichnamigen Komposition von Rolf Rudin als Hauptwerk erklingt zudem eine Uraufführung des jungen italienischen Komponisten Enrico Olivanti "Was Zusammen Gehört", eine Liebeserklärung an die Stadt Dresden, die Einheit Deutschlands und Europas. Im Konzert für Cello und Blasorchester des legendären Pianisten Friedrich Gulda wird der Dresdner Cellist Titus Maack von der Sächsischen Staatskapelle Dresden als Solist zu erleben sein.

Außerdem sind Werke in der Bearbeitung für Sinfonisches Bläserorchester von Frank van Nooy zu hören (Rose Wirrmanns "Festmarsch" sowie "Air" aus der 3. Orchestersuite Johann Sebastian Bachs).

Die Sache mit der Werbung sei sehr schwierig, gibt Kirchner zu. Denn in einer Stadt wie Dresden, die sich als "Stadt für Hochkultur" sieht, muss man als reines Amateurorchester immer noch eine Schippe drauflegen.

"Wir kämpfen für die Sache bis zur Erschöpfung! Wir fühlen uns bisweilen benachteiligt." Ans Aufgeben aber denkt hier niemand. »Wir versuchen es immer wieder – und haben auch den Anspruch, daneben zu stehen.«

Daneben – damit meint sie immerhin renommierte Orchester wie die Sächsische Staatskapelle (unter Christian Thielemann) oder die Dresdner Philharmonie (unter Michael Sanderling). Welchen Stellenwert die Bläserphilharmonie aber hat, wird auch beim Blick auf die musikalische Leitung deutlich.

Bemerkenswert ist nicht nur, dass der Dirigent Stefan Fritzen Soloposaunist im Berliner Sinfonieorchester und bei der Staatskapelle Dresden war, sondern auch, dass die sogenannten künstlerischen Mentoren Frank van Nooy (Sächsische Staatskapelle), Holm Oswald (Neue Lausitzer Philharmonie) und Dietmar Pester (Dresdner Philharmonie) ihre ehrenamtliche (!) Freizeit dem Amateurmusizieren widmen. Müssen tun die das nicht – die wollen das! Die musikalische Leitung komplettiert der stellvertretende Dirigent Alexander Herrmann.

Mit Idealismus und Leidenschaft in der Dresdner Kulturszene etabliert

Die wichtigsten Bausteine des Orchesters sind die Musikerinnen und Musiker jeden Alters, aus zahlreichen Berufsgruppen und quer durch die Gesellschaft. Der überwiegende Teil sind Studenten (keine Musikstudenten wohlgemerkt). Sie sitzen Seite an Seite mit Ärzten oder Pensionären.

Dass Musiker derart harmonisch miteinander umgehen, ist selten. "Persönliche Eitelkeiten haben hier keinen Platz", weiß Annekathrin Kirchner, »was daran liegt, dass sich im Orchester niemand profilieren muss.« Die Fluktuation ist gering.

Gemeinsam hat man sich stabilisiert und ist man gewachsen in den vergangenen zehn Jahren. Mit viel Idealismus und noch mehr Leidenschaft, mit Perfektionsstreben und einer klaren Klangvorstellung hat sich die Dresdner Bläserphilharmonie als "Orchester der Stadt" etabliert – und noch weit darüber hinaus. Der Anspruch aller Beteiligten ist immens und er wird weiter wachsen. Und das ist auch gut so!

Der Dirigent

Stefan Fritzen zählt zu den bedeutendsten Orchesterleitern für sinfonische Bläsermusik in Deutschland. Bereits als Soloposaunist im Berliner Sinfonieorchester unter der Leitung von Prof. Kurt Sanderling und bei der Staatskapelle Dresden wurde er für seine besonderen musikalischen Leistungen geachtet und ausgezeichnet.

Als Dirigent schon in den 1980er Jahren erfolgreich, begann er 1986 seine Arbeit als Sachgebietsleiter an der Musikschule Mannheim, gründete dort die heutige Mannheimer Bläserphilharmonie und machte sie über Deutschland und Europa hinaus in der Welt bekannt und erfolgreich.

Außerdem war er als Dozent für Dirigenten und als Spezialist für heilpädagogische Behandlung von spielerkrankten Blechbläsern tätig. Seit seiner Pensionierung wohnt Stefan Fritzen in Dresden und leitet seit dem Jahr 2008 als Dirigent die Dresdner Bläserphilharmonie.

dresdner-blaeserphilharmonie.de

  • 14.12.2017
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 12/2017
  • Seite 42-45

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