»Zärtlich klagende Töne« - Bläserfarbe und Romantik

Die Betonung der Bläser entspricht dabei ganz der romantischen Schwärmerei für die Natur. Denn Klavier und Geige sind keine Freiluft-Instrumente. Dagegen erinnern Horn, Oboe, Klarinette und Querflöte an ländliche Idyllen, an Jagdruf und Postkutsche, an Schäferschalmei und Hirtenpfeife, an Naturlaut und Ländlerkapelle. Schon Ludwig van Beethovens »Pastorale« (1808) macht das mit ihren Vogelstimmen (Flöte, Oboe, Klarinetten), dem Tanz der Landleute und dem Gewitterwind (Pikkoloflöte) deutlich. Man denke auch an Franz Schuberts Lied »Der Hirt auf dem Felsen« (1828) mit obligater Klarinette oder an das Hornmotiv am Anfang seiner großen C-Dur-Sinfonie (1828). Hector Berlioz’ »Symphonie fantastique« (1830) präsentiert in der »Szene auf dem Lande« sogar ein Hirten-Duett von Oboe und Englischhorn.

In der Romantik wurzelt auch die Nationalschwärmerei des 19. Jahrhunderts: Die Freiluft-Blasmusik der Militärkapellen nimmt einen ungeahnten Aufschwung. Daher ist das drängendste Problem der Militärmusik, starke, intonationssichere Bass-Instrumente für die vergrößerten Musikregimenter zu finden. Eine ganze Reihe neuer Instrumente werden entwickelt, um den Mangel zu beheben – darunter 1804 das Basshorn, 1817 die Ophicleïde, 1832 der Bombardon, 1835 die Tuba, 1838 das Eufonium, 1839 das Bathyfon, später noch Saxofon, Sarrusofon und Subkontrafagott. Wilhelm Wieprecht, der sich zur Reformierung des preußischen Militärmusikwesens berufen fühlt, veranstaltet Freiluftkonzerte mit über 1000 Musikern. Auf den Weltausstellungen 1867 (Paris), 1872 (Chicago) oder 1880 (Brüssel) kommt es zu Militärmusik-Wettbewerben vor Zigtausenden von Zuhörern. Die großen Blas­orchester machen den Sinfonieorchestern offen Konkurrenz.

Frühromatik – musikalische Fakten in Kürze

Die Romantik:
Die Romantik entwächst aus den Prinzipien der Klassik heraus, sie basiert auf deren Tonsprache, Gattungen und Harmonik. Durch ein neues, poetisches Denken, einen neuen Zeitgeist verschiebt sich das Gleichgewicht und bringt die musikalischen Mittel zum Wachsen. Das Gefühl dominiert immer stärker, klassische Formen und Harmonik werden erweitert und gesprengt und oft wird die Musik mit außermusikalischen, gern literarischen Themen verbunden. Auch volksnahe, reale Elemente halten Einzug in den neuen Stil. Vor allem die Frühromantik ist eine deutsche Erscheinung.

Wichtige Komponisten:
Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827), Carl Maria von Weber (1786 bis 1826), Giacomo Meyerbeer (1791 bis 1864), Gioachino Rossini (1792 bis 1868), Franz Schubert (1797 bis 1828), Gaetano Donizetti (1797 bis 1848), Hector Berlioz (1803 bis 1869), Felix Mendelssohn (1809 bis 1847), Frederic Chopin (1810 bis 1849), ­Robert Schumann (1810 bis 1856), Franz Liszt (1811 bis 1886)

Die temperierte Stimmung:
Die temperierte Stimmung ist quasi die Grundlage der Dur-Moll-Tonalität. Sie teilt die Oktave in zwölf gleiche Teile. Temperiert gestimmte Instrumente können alle Tonarten spielen, manche reiner als andere, aber alle mit Unreinheiten. Rein gestimmte Instru­mente dagegen können nur eine Tonart rein spielen.

Die Programmmusik:
Programmmusik steht im Gegensatz zur Absoluten Musik und trägt einen außermusikalischen Inhalt, der oft durch den Titel oder eine Satzbezeichnung mitgeteilt wird. In der Romantik entfaltete sich die Programmmusik vielfältig – so beispielsweise in der Werkform der sinfonischen Dichtung oder der Konzert­ouvertüre. Als Vater der modernen Programmmusik gilt Hector Berlioz mit Werken wie der »Symphonie Fantastique«. Beet­hovens 6. Sinfonie (Pastorale) kann mit ihrer detaillierten Schilderung von Naturstimmen als Programmmusik gesehen werden.

E.T.A. Hoffmann über Ludwig van Beethoven:
[...] »Der romantische Geschmack ist selten, noch seltener das romantische Talent, daher gibt es wohl so wenige, die jene Lyra, deren Ton das wundervolle Reich des Romantischen aufschliesst, anzuschlagen vermögen. Haydn fasst das Menschliche im menschlichen Leben romantisch auf; er ist kommensurabler, fasslicher für die Mehrzahl. Mozart nimmt mehr das Übermenschliche, das Wunderbare, welches im Innern Geiste wohnt, in Anspruch. Beethovens Musik bewegt die Hebel der Furcht, des Schauers, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt eben jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist. Er ist daher ein rein romantischer Komponist,« [...]

Schriftsteller der Romantik:
Wilhelm Hauff, Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann, Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist, Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff, Novalis, Friedrich Schlegel, Ludwig Uhland

  • 21.09.2011
  • Mainstory
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 7-8/2011
  • Seite 30-33

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