Welche Rolle spielt Klimaschutz für deutsche Konzerthäuser und Orchester?

Foto: Nada Sertic - stock.adobe.com / Collage: Nadine Bayer

Fredrik Österling, Intendant des Helsingborger Konserthus und des Symphonieorchesters, fragte jüngst nach dem Sinn von internationalen Orchester-Tourneen: »Warum macht man sowas? Bringt das was für uns und unsere Kunst? Brauchen wir Bestätigung und Prestige, die wir auf Touren bekommen, wirklich?« 

Seine Antwort lautete: Nein. Darum werden ab sofort für das Orchester keine Touren mehr geplant, deren Routen sich nicht mit Bahn, Bus oder Schiff zurücklegen lassen. Und es werden nur noch Dirigenten und Solisten eingeladen, die bei der Anreise den Luftweg ausschließen.

Vorbild Schweden?

In Sachen Klimaschutz ist in Schweden einiges in Bewegung geraten – und manches schwappt nach Deutschland über, wie der Klima-Schulstreik, den die Schülerin Greta Thunberg im August in Stockholm initiierte und an dem mittlerweile jeden Freitag in zahlreichen deutschen Städten tausende Schüler teilnehmen. 

Für deutsche Spitzenorchester gehört das Reisen und, zumindest alle paar Jahre, Tourneen nach Übersee zum Standardprogramm, große Opern- und Konzerthäuser fliegen wöchentlich internationale Stars ein. Wie reagiert man hier auf die neuen Töne aus Helsingborg?

Internationale Konzerttourneen für mehr Prestige

»Wir sind davon überzeugt, dass der klassische Markt ein globaler Markt ist«, meint Christian Beuke von den Münchner Philharmonikern, die zuletzt Ende 2018 auf Asien-Tour waren. »Wenn Orchester den Anspruch haben, zur Weltspitze zu gehören, dann ist diesem Anspruch impliziert, dass man sich beispielsweise auch jedes Jahr in Wien im Musikvereinssaal blicken lässt, dass man alle zwei, drei Jahre am amerikanischen Markt präsent ist.« 

Internationale Konzerttourneen beeinflussten das Prestige eines Klangkörpers stark und damit zumindest mittelbar die finanzielle Situation. »Es ist so, dass es Interdependenzen gibt zwischen dem Prestige und der finanziellen Ausstattung von Orchestern. Das eine be- einflusst da das andere.« 

Beukes Resümee lautet darum: »So wie ich den deutschen Konzertorchestermarkt einschätze, wäre mein Eindruck, dass die Anzahl der (Helsingborg-)Nachahmer eher gering ist.« Wie die Anzahl derer, die sich zu dieser Thematik überhaupt äußern wollen, könnte man hinzufügen. 

Erstaunlich viele Pressestellen, die sonst innerhalb von Stunden antworten, haben scheinbar die per Mail geschickte Anfrage nicht gelesen oder stecken zu tief im Saisonbroschüren- oder Produktionsendspurt für eine Antwort.

  • 24.06.2019
  • Schwerpunktthema
  • Merle Krafeld
  • Ausgabe: 6/2019
  • Seite 22-25

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