WDR Big Band Köln - Mehr als nur ein musikalisches Aushängeschild

Selbst beim Mittagessen kommt Michael Abene nicht so richtig zur Ruhe. Arbeit ist dem musikalischen Leiter der WDR Big Band Köln das Lebenselixier. Ohne geht es nicht. »Ich war einmal fünf Tage in Paris ohne zu arbeiten. Nach sechs Tagen würde ich verrückt.« Zum Interview samt Vitello Tonnato muss der Manager der Bigband, Lucas Schmid, seinen Kollegen deshalb sanft zwingen. In entspannter Atmosphäre wurde dennoch deutlich: Michael Abene ist ein Musikbesessener – im positivsten Sinne.

Die WDR Big-Band
Geschichtensplitter aus der Weltliga des Jazz


Es ist schon ein paar Tage her. Bereits im Februar bekam die legendäre Big-Band des WDR, was sie schon lange verdient hat: den Grammy.
Und das gleich in zweifacher Ausführung.

Einen gab es für die Live-Aufführung „Some Skunk Funk“, aufgezeichnet anlässlich der Leverkusener Jazz-Tage 2003. Und den zweiten für den inzwischen verstorbenen Gast-Solisten der Big-Band: Michael Brecker. Logisch, da war nicht nur ganz Bläserdeutschland aus dem Häuschen, sondern natürlich auch die Chefin der Truppe, die WDR-Hörfunkdirektorin Monika Piel: „Der Grammy zeigt einmal mehr, dass unsere Big Band in der Weltliga des Jazz spielt“, jubelte sie in die Mikrofone der Journalisten.

Grund genug, der Geschichte des außergewöhnlichen Klangkörpers nachzuspüren. Drehen wir die Zeit zurück. Zu einem Punkt, an dem ganz Köln in Trümmern lag. Man schrieb das Jahr 1945, die Briten starteten in ihrer Besatzungszone, welche die heutigen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und den britischen Sektor von Berlin umfasste, eine Radioinitiative. Diese Impulsgebung fand unter der Leitung des britischen Journalisten und späteren BBC-Generaldirektor Hugh Carlton Greene statt. Sendestandort war in Hamburg und die Rundfunkanstalt hieß kurzeitig Radio Hamburg, ab September 1945 jedoch Nordwestdeutscher Rundfunk (NWDR). Das ehemalige Kölner Funkhaus war völlig zerstört, so dass erst mit etwas zeitlicher Verzögerung auch in Köln ein Funkhaus betrieben werden konnte. Und genau in diesem Kölner Funkhaus sind die Wurzeln des heute großen und starken Baumes der WDR-Big-Band zu finden.

Der Ton der frühen Jahre
Die große Big-Band-Tradition, die bis in die 20er Jahre zurückreicht, war bekanntlich auch immer eine Tradition von Tanzmusik. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ein Tanzorchester als Vorläufer der WDR Big-Band anzusehen ist: das Kölner Tanz- und Rundfunkorchester (KTUO), das im August 1946 erstmals unter diesem Namen firmierte. Solche Orchester hatten meist die klassische Big-Band Besetzung, die durch Streicher ergänzt wurde. Der damalige Leiter Otto Gerdes war auch der Gründer des Klangkörpers. Auf der Homepage der WDR-Big-Band werden die Aufgaben eines solchen Orchesters ganz klar umrissen: „Zur Aufgabenstellung des KTUO gehörte, wie der Name schon besagte, die Pflege der deutschen Tanz- und Unterhaltungsmusik.“ Diesem Klangkörper war allerdings keine lange Lebensdauer beschert, bereits in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1947 wurde das KTUO aufgelöst beziehungsweise radikal umgebaut. Der neue Mann an der Front hieß Adalbert Luczkowski und führte, laut Auskunft seiner Tochter, den Titel eines Kapellmeisters. Der Orchestername wurde nun in „Tanz- und Unterhaltungsorchester des NWDR“ (ab 1956 nur WDR) umgewandelt. Diese Leitungsposition hatte Luczkowski bis zu seinem Ruhestand im Dezember 1965 inne. Auf den Programmzetteln von Adalbert Luczkowski fanden sich Titel aus der leichten Tanzmusik ebenso, wie Stücke aus der Welt der gehobenen internationalen Unterhaltungsszene. Die Hörgewohnheiten vieler Radiohörer vor allem der 1950er Jahre wurden durch Luczkowski und seinen Klangkörper mit geprägt.

Das Intermezzo Edelhagen
Die Offiziers-Casinos der Alliierten Streitkräfte, insbesondere der Briten und Amerikaner, wurden in der Besatzungszeit zu Hochburgen deutscher Musiker, die sich dem Jazz verschrieben hatten. Der Klarinettist, Pianist und Dirigent Kurt Edelhagen war einer von ihnen. 1946 baute er seine eigene Band mit 14 Musikern auf und nahm kurze Engagements beim Rundfunk Stuttgart und beim Bayerischen Rundfunk Nürnberg an, bevor er mit seiner Big-Band beim Südwestfunk Baden-Baden über Jahre hinweg brillierte und durch seinen Sound und seine Arbeit zum wohl anerkanntesten deutschen Big-Band Leader aufstieg. Mit dem Aufkommen und der Durchschlagskraft des Rock´n´Roll Mitte der 50er Jahre, begannen einige Radiostationen ihre jazzorientierten Orchester auszudünnen oder sie ganz aufzulösen. Dies geht aus den Archiven der einzelnen Radiostationen hervor. Das bekam auch Kurt Edelhagens Band beim Südwestfunk zu spüren. Der Westdeutsche Rundfunk in Köln hingegen sah in seinem Haus eine Orchesterlücke zwischen seinem Tanz- und Unterhaltungsorchester und seinem Sinfonieorchester, gleichsam ein Vakuum des Jazz. 1957 verpflichtete der Sender Kurt Edelhagen und seine international besetzten Edelhagen All Stars. Dort blieb er bis zur Entbindung von seinem Vertrag im Jahr 1972.

Die WDR Big-Band nimmt Gestalt an
Die Nachfolge von Adalbert Luczkowski beim Tanz- und Unterhaltungsorchesters des WDR trat 1967 Werner Müller an. Neben Piano und Geige spielte er auch Posaune. Müller war es jedoch nicht vergönnt, in Köln an seine große Zeit beim Tanzorchester des RIAS Berlin anzuknüpfen. Als Werner Müller schließlich ebenfalls ausschied, stand der WDR vor der Frage, wie mit dem verbliebenen Klangkörper umzugehen sei und ob vielleicht die Schaffung einer Big-Band eine adäquate Lösung sein könne? Der Big-Band Chronist beim WDR sieht „die Einbindung von hochkarätigen Gastmusikern für bestimmte Produktionen und die gezielte Besetzung der in der Folgezeit freiwerdenden Stellen“ als wesentliche Voraussetzung für die Formung einer Big-Band an. Zudem sollten „für die weitere Entwicklung der Big Band ( ... ) neben der Arbeit des Chefdirigenten etwa 50 Prozent der Produktionszeit für Gastdirigenten und Arrangeure zur Verfügung“ stehen. Der erste Bandleader, der diese Vorgaben des Hauses WDR umsetzen sollte, war der Bruder von Ack van Rooyen, der Dirigent, Komponist und Arrangeur Jerry van Rooyen. Er wurde 1985 berufen. Jerry van Rooyen hat in den folgenden zehn Jahren, während derer er die WDR Big-Band leitete, dem Klangkörper die Projektarbeit verordnet. Die von Kurt Edelhagen erstmals praktizierte internationale Besetzung behielt Rooyen bei. Ein großer Teil dieser Arbeit ist auf Tonträgern verfügbar und demonstriert, wie vielfältig Rooyen diese Projektarbeit anlegte und wie viel Wert er darauf legte, die individuell solistische Klangkraft jedes einzelnen Mitglieds zu fordern und zu fördern. Das Augenmerk sei hier auf ausgewählte Tonträger gerichtet, bei denen Bläser eine herausragende Rolle spielten. Aus dem Jahr 1992 stammt die gemeinsame Produktion „Traces Of Trane“ mit dem Posaunisten Peter Herborn. Er arrangiert Coltrane-Quartett-Klassiker wie „My Favorite Things“ für Jazzorchester, die Arrangements entwickeln sich unter dem Dirigat von Jerry Rooyen zu einer faszinierenden Klanglandschaft. Die jeweiligen Soli der Musiker sind hoch herausragend. 1994 legte die WDR Big-Band das Projekt „ Electricity“ mit dem Posaunisten Bob Brookmeyer als CD vor. Brookmeyer suchte ein Ensemble, das seine coolen Westcoast-Jazz-Kompositionen so reduziert wie Kammermusik spielen konnte. Die WDR Big-Band konnte. Im Anschluss an die Arbeit sagte Brookmeyer, „was die WDR Big-Band in Köln produziert, ist in dieser Qualität kaum anderswo auf der Welt zu finden.”

Eine der besten Big-Bands der Welt
Nach dem Weggang von Jerry van Rooyen wurde der Leitungsstab im September 1994 an Bill Dobbins weitergegeben. Er fand einen Klangkörper vor, der in der Big-Band-Liga inzwischen um den Weltpokal mitspielte. Nicht nur deshalb verglich Dobbins in einem Presse-Gespräch bereits nach kurzer Zusammenarbeit die WDR Big-Band mit der Lincoln-Center-Band, die von Wynton Marsalis geleitet wird. Nirgendwo sei soviel solistisches Potential und nirgendwo sei eine Band zu finden, die 35 bis 40 Wochen im Jahr zusammen arbeiten könne. Auch die Ära Dobbins brachte einige exorbitante Bläserproduktionen hervor, so 1996 die CD „Jubilee“ mit dem Trompeter und Flügelhornisten Markus Stockhausen und seinem Bruder, dem Saxofonisten und Pianisten Simon, der bei der Aufnahme auch Synthesizer spielt. Dobbins als Dirigent zaubert hier eine wunderbar bis wahnwitzige Synthese aus Maschinenklängen und „echten“ Instrumenten. „Dedalo“ ist ein gemeinsames Projekt mit dem italienischen Saxofonisten und Klarinettisten Gianluigi Trovesi. Es stammt aus dem Jahr 2002. Trovesi dirigiert hier auch und hat sich als Solisten an der Trompete Markus Stockhausen dazugeholt. Inzwischen hört die WDR Big-Band auf die Stimme von Michael Abene, der sicherlich auch noch einige große Bläserproduktionen in petto hat. Die wenigen aufgeführten Meilensteine zeigen, wenn auch bruchstückhaft, was die WDR Big-Band bis heute Wegweisendes geleistet hat und das nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch unter dem Aspekt der Gender-Diskussion. Als vor einem Jahr die Saxofonistin Karolina Strassmeyer in die Band aufgenommen wurde, war sie die erste Frau in der WDR Big-Band. (chn)


Diskographie

Djangology
Biréli Lagrène, Michael Abene

Jazz Al'Arab
Karim Ziad, Rhani Krija, Michael Gibbs u.a.

Brown Street
Joe Zawinul, Alex Acuna, Victor Bailey u.a.

Winterwunderwelt
Götz Alsmann und die WDR Big Band

Erik Satie "Ich bin sehr jung auf eine sehr alte Welt gekommen"
Gelesen von Christian Brückner

Alles auf Zucker
Brian Hyland, Bärbel Wachholz u. a.

Very Personal I - WDR Big Band Köln
Mitglieder der WDR Big Band

Tango y Posttango
Nestor Marconi

Some Skunk Funk
Randy & Michael Brecker

Harlem Story
Peter Herbolzheimer

The Third Stone
Jiggs Whigham

East Coast Blowout
Jim McNeely

Dream of Life
Carmen McRae

Tribute to Thad Jones
Mel Lewis

Traces of Trane
Peter Herborn

Carambolage
Joachim Kühn

Jazzpana
Vince Mendoza / Arif

Cosmopolitan Greetings
George Gruntz

Sketches

Vince Mendoza

Electricity
Bob Brookmeyer

Swing & Balladen

Jerry van Rooyen

Soul to Jazz

Bernard Purdie

Jubilee
Markus & Simon Stockhausen

The Last Concert
Eddie Harris

Behind Closed Doors
Peter Erskine

Your Song
Jerry van Rooyen

The Escape
Jens Winther

Jazz Mass In Concert
Lalo Schifrin

Gillespiana
Lalo Schifrin

Prism
Bill Dobbins / Peter Erskine

Latin Jazz Suite
Lalo Schifrin

Get Hit In Your Soul
Miles Griffith / Jack Walrath

Jazz Goes to Hollywood
Lalo Schifrin

Mannix Soundtracks
Lalo Schifrin

Colours of Siam
Thorsten Wollmann

Dedalo
Gianluigi Trovesi

For Ella
Patti Austin/ Patrick Williams

Paquito D'Rivera
Latin Rhythms with Paquito D'Rivera

Voices Of Concord Jazz
live at Montreux

NiedeckenKoeln
Wolfgang Niedecken und die WDR Big Band Köln

  • 21.09.2011
  • Mainstory
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2007
  • Seite 30

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