Was übst du eigentlich, wenn du übst? (8): Artikulation

Johann Joachim Quantz wusste es in seinem »Versuch einer Anweisung, die Flöte traversière zu spielen« schon 1752: »Die Zunge ist eigentlich das Mittel, wodurch die Töne auf der Flöte lebhaft vorgetragen werden können. Sie ist zur musikalischen Aussprache höchst nöthig; und verrichtet eben das, was der Bogenstrich bey der Violine thut; […] Denn diese [die Zunge] muß den Ausdruck der Leidenschaften, in allen Stücken, er mag prächtig oder traurig, lustig oder annehmlich, oder wie er sonst wolle, seyn, beleben.«

Also bringen wir die Musik zum Sprechen, zum Erzählen. Wer schon einmal Gelegenheit hatte, in diese erste Flötenschule, die jemals gedruckt wurde, hineinzulesen, wird sich wundern, wie aktuell die meisten Punkte immer noch sind. Was Quantz, der ja auch Lehrer und Musiker am Hofe Friedrichs des Großen war, über das Musik-Machen und auch das Musik-Lernen schrieb, ist wirklich (mindestens) einen Schmöker-Nachmittag wert! Also soll es in dieser Ausgabe um die »Aussprache« gehen.

Aussprache – oder die Bewegung der Zunge

Meiner Erfahrung nach ist die Bewegung der Zunge einer der größten möglichen Störfaktoren bei der Klangbildung. Oder sagen wir lieber: einer der störanfälligsten und damit störendsten Faktoren. Wir können die Bewegung nicht sehen.

Und allein schon die Vorstellung der Bewegung ist irgendwie seltsam. Obwohl wir die Zunge ja im Alltag ständig bewegen, fällt es enorm schwer, sie bewusst zu bewegen. Und vielleicht nicht »obwohl«, sondern »genau deshalb«.

Bei der Planung dieses Artikels ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass ich mich hier an der Grenze des Beschreibbaren entlanghangele – und nur hoffen kann, dass meine Ausführungen für Sie hilfreich sind. Mir wurde wieder einmal vor Augen geführt, wie wichtig beim Unterrichten, beim Lernen und Unterstützen der direkte Kontakt ist.

Ein guter Lehrer hört das, was nicht sichtbar ist. Erkennt am Klang, ob beispielsweise die Zunge in der wirklich richtigen Position liegt und sich ökonomisch bewegt. Er findet die Ursache hinter dem Symptom und kann so dem Lernenden die jeweils passenden Hilfen und Unterstützungen anbieten.

Und dennoch lesen Sie hier einen Artikel über Artikulation – aus dem Gedanken heraus, Sie für das, was Sie üben, zu sensibilisieren; Ihnen neue oder andere Vorstellungen für diese nicht sichtbare Bewegung anzubieten und Sie vielleicht auch zu ermuntern, sich von Zeit zu Zeit mal wieder eine Unterrichtsstunde »zu gönnen«, um sich bei der Selbstreflexion von einem Paar außenstehender Ohren und Extra-Augen unterstützen zu lassen.

Die Zunge

Wenn ich meinen Schülern oder selbst auch meinen Studierenden Abbildungen der Zunge mitbringe, sind sie in der Regel total überrascht, dass das »so ein fetter Klumpen« ist (siehe Abbildung). Die meisten stellen sich die Zunge lang und schmal vor – wie sie eben aussieht, wenn wir sie rausstrecken. Und entsprechend hat sich auch eine Bewegungsvorstellung entwickelt: ein flaches »Band«, so als wenn nur die Oberfläche der Zunge im Bewusstsein ist.

Die Idee, diesen »Klumpen« kontrollieren zu müssen, ändert einiges und kann ein anderes Verständnis schaffen. Und noch ein Punkt erscheint mir wichtig, um die Bedeutung der Zungenbewegung für den »Gesamtmechanismus Tonerzeugung« zu verstehen. Die Verankerung am Zungenbein, diesem Ansatz- und Ankerknochen, verbindet die Zunge indirekt mit der Kehlkopfmuskulatur und stellt Verbindungen her zum Brustbein, Schlüsselbein und zum Schädel.

  • 02.05.2018
  • Praxis
  • Sandra Engelhardt
  • Ausgabe: 5/2018
  • Seite 10-13

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