Was übst du eigentlich, wenn du übst? (5): Bewegung!

  • 16.01.2018
  • Praxis
  • Sandra Engelhardt
  • Ausgabe: 1/2018
  • Seite 12-13

»Mehr Bewegung!« Na, ist das auch einer Ihrer Vorsätze für das neue Jahr? Damit sind Sie sicher in guter Gesellschaft! Und praktischerweise können Sie diesen Vorsatz ja auch auf den Umgang mit Ihrem Instrument beziehen – ­wobei ich dafür gern noch ein Wort einfügen möchte: »Mehr bewusste Bewegung!«

Wer meine Artikel aus dem vergangenen Jahr gelesen hat, mag jetzt vielleicht aufstöhnen, dass die Bauch- und Rumpfmuskulatur ja nun wirklich schon ausreichend Bewusstheitstraining abbekommen hat. Und da gebe ich Ihnen völlig recht (wobei man hier selbstverständlich die Frage stellen könnte, ob es in diesem Zusammenhang überhaupt ein »ausreichend« gibt).

Training für die Finger

Daher geht es in den nächsten Ausgaben um die Bewegung unserer Finger. Und wir beginnen gleich mit der Mutter bzw. dem Vater aller »Technikübungen«: dem Tonleitertraining.

»Tonleitern muss man einfach üben, jede Woche eine neue – und wenn es nicht klappt, dann musst du eben in der nächsten Woche zwei üben!« Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Satz meines ersten Lehrers. Was für ein Stress – zumal ja die Tonleitern immer schwerer wurden, mit all diesen komischen Griffen...

Selbstverständlich übe ich auch mit meinen Schülern Tonleitern. Doch ich hoffe, dass ich ihnen den Sinn dieses Trainings verständlich machen kann und sie sich mit meinen Tipps ihre eigenen Tonleiterübungen zusammenstellen. Denn nur, wenn wir wach und interessiert dabei sind, ist die »Tonleiterzeit« gut investiert.

Warum ist es also sinnvoll, Tonleitern zu üben?

Mit Tonleitern (und auch Dreiklängen, die hier nicht Thema sind) üben wir »Bewegungsabläufe auf Vorrat«. Viele Passagen in Stücken bestehen aus Tonleiterabschnitten. Und auch für das Vom-Blatt-Spiel sind diese abgespeicherten Bewegungen wichtig.

Im Idealfall erkennen wir beim Lesen der Noten, um welche Tonleiter es sich bei einer Stelle handelt und können dann blitzschnell das entsprechende Bewegungsprogramm aktivieren. Wenn wir immer jeden einzelnen Ton lesen müssten, wäre schnelles Vom-Blatt-Spiel nicht möglich.

Das lässt sich in gewisser Weise mit dem Lesenlernen vergleichen. Und wer die Gelegenheit hatte, ein Kind auf diesem Weg zu begleiten, wird sich sicher erinnern. Zunächst machen die Anfänger sich mit einzelnen Buchstaben vertraut. Wenn sie ein Wort entziffern wollen, sprechen sie Buchstaben für Buchstaben durch, reihen sie aneinander, sprechen laut mit und verbinden diese Laute irgendwann zu einem Wort. Dies gelingt mit der Zeit immer schneller, und irgendwann reicht dann der Blick auf die »Buchstabengruppe«, um das ganze Wort zu erkennen.

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