Was übst du eigentlich, wenn du übst? (11): Vibrato

»Dein Ton klingt wirklich ganz schön. Aber du musst dringend an deinem Vibrato arbeiten. Das muss auf Triolen bei 140 sein.« Ich weiß noch ganz genau, wie mich dieser Satz zutiefst erschütterte. Ich muss so ungefähr 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein. Ich hatte es zum ersten Mal zum Landeswettbewerb »Jugend musiziert« geschafft und saß im Beratungsgespräch vor der Jury. Vibrato üben? Ich dachte, das hat man – oder eben nicht!

Etwas, das einfach passiert?!

Und das dachte ich nicht in einem irgendwie arroganten oder überheblichen Sinn. Tatsächlich war es mir bis dahin auch gar nicht bewusst gewesen, dass das irgendwie »genormt« oder mit Metronom zu messen sein sollte. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass das im Unterricht thematisiert worden wäre (wobei das selbstverständlich nicht heißen soll, dass meine Lehrerin dies nicht regelmäßig tat – ich weiß heute nur zu gut um das Phänomen, dass Schüler manche Inhalte bei Nachfragen Dritter als ihnen völlig unbekannt bezeichnen, obwohl wir im Unterricht ständig darüber sprechen!).

Bis zu jenem denkwürdigen Tag war ich davon ausgegangen, dass das Vibrato eben passiert, wenn ich mir die Musik besonders gefühlvoll vorstelle… Inzwischen habe ich einiges an Zeit in mein Vibrato investiert, und auch im Unterricht mit meinen Schülern und Studierenden ist dies regelmäßig Thema. Und zwar nicht aus einem »normativen« oder gar sportlichen Gedanken heraus.

Elementar für die Klanggestaltung

Vielmehr geht es mir darum, dass sie eine Idee davon bekommen, dass ein bewusster Umgang mit einem flexiblen Vibrato elementar für die Klanggestaltung ist – und damit wieder ein Gewinn an Freiheit im Ausdruck. Und tatsächlich habe ich auch länger überlegt, ob ich einen Artikel über das Vibrato schreiben soll.

Denn – ähnlich wie die Stütze (siehe Clarino 12/2017) – ist es irgendwie ein heikles Thema. Es gibt so viele Ansätze und Vorstellungen. Daher sehen Sie diesen Artikel bitte wieder als eine Anregung, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – und keinesfalls als absolute Anleitung (davon gibt es auf YouTube ausreichend Videos!).

Das Vibrato auf der Flöte

Beginnen wir daher ganz unverfänglich mit der Frage, was das Vibrato auf der Flöte eigentlich ist. Rein technisch gesehen. Können Sie den Unterschied beispielsweise zu einem Streichervibrato benennen? Denn um zu verstehen, was ich beim Vibrato eigentlich üben kann, ist dies nach meiner Erfahrung ein wichtiger Ausgangspunkt.

Im Unterschied zu den Streichern, die für das Vibrato die Tonhöhe leicht verändern, spielen wir Flötisten mit der Klang-Intensität. Ich habe allerdings auch schon gelesen, dass wir im Vibrato ebenfalls die Lautstärke verändern. Tonhöhe, Lautstärke und Intensität hängen bei der Erzeugung des Flötentones funktional wirklich sehr eng zusammen, daher will ich mich hier nicht im Definitionskleinklein verstricken.

Sicher ist, dass die Tonhöhe im Idealfall nicht verändert wird. Meiner Erfahrung nach – und meiner Vorstellung von Vibrato entsprechend – ist die Idee eines Intensitäts-Vibratos am besten geeignet, um effektiv üben zu können. Die nachfolgenden Übe-Ideen werden das verdeutlichen.

  • 10.10.2018
  • Praxis
  • Sandra Engelhardt
  • Ausgabe: 10/2018
  • Seite 10-12

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