wälscher dunst und tand? - warum musikalische termini meist italienisch sind

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Erich Broy
  • Ausgabe: 6/2006
  • Seite 10-11

Es dürfte allgemein bekannt sein: Die geläufigen Begriffe musikalischer Vortragsangaben, Zeichen und Abkürzungen sind italienisch, »wälsch«, wie es früher hieß. Allegro, Adagio, con sentimento, affettuoso etc., das kennen wir ja zur Genüge, da haben wir auch eine Vorstellung davon, was die Begriffe bedeuten. Aber bei ondeggiando (wogend, wellig; von wegen: »Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege!«) oder ridicolosamente (lächerlich) versteht man ohne offizielle Zweisprachigkeitsprüfung doch nur Bahnhof: Statione Termini, binario terzo! Einen großen Vorteil besitzt die Normierung der Begriffe jedoch: Mit ihrer Hilfe können wir selbst russische oder japanische Ausgaben entziffern, auch wenn uns deren Deckblätter wie ein Gemälde der Biennale di Venezia vorkommen. Stellen Sie sich vor, Béla Bartók hätte alles ungarisch angemerkt! Das wäre ein wahres all’ungherese! Oder doch nur gulyás? So ist es nur sinnvoll, wenn der DTV-Atlas vor dem musikalischen Glossar nur lapidar schreibt: »Soweit nicht anders vermerkt, sind die musikalischen Termini italienischer Herkunft. Zur Erleichterung der Aussprache wurde die jeweils betonte Silbe unterpunktet.« – Wobei das Problem des Tschiantiweins bleibt. Ma perché tutto in lingua italiana? Darüber verliert der DTV-Atlas keinen Ton. Silenzio, basta!

Die ersten musikalischen Termini kamen via Tempoanweisungen tatsächlich in Italien um die Wende zum 17. Jahrhundert auf, zunächst als simples schnell und langsam - presto e tarde –, später in Abstufungen. Auch wenn die französische Musik des 18. Jahrhunderts aus reinen Tempoangaben differenzierte, Tempo und Affektgehalte umfassende Vortragsbezeichnungen machte und Worte wie gracieusement oder noblement erfand, war die italienische Terminologie durchsetzungsfähiger. Wolfgang Amadé – er nannte sich selbst französisch, die italienische Form Amadeo verwandte er nur auf den Italienreisen – Mozart stoßseufzte am 9. Juli 1778 brieflich aus Paris: »wenn nur die verfluchte französische sprache nicht so hundsfüttisch zur Musique wäre!«

 

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