Vom Umgang mit Fehlern

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Kürzlich habe ich eine befreundete Kollegin für einen Musikschul-Nachmittag vertreten. Sie unterrichtet, wie so viele von uns, in den Räumen einer allgemeinbildenden Schule – Räume mit dieser ganz besonderen Atmosphäre: mit den zum besseren Durchwischen bereits hochgestellten Stühlen, einzeln herumliegenden vergessenen Turnbeuteln, mit mehr oder weniger dezenten Hintergrundklängen, die die Putzmannschaft auf den Gängen mit ihren diversen Gerätschaften erzeugt. Und mit diesen ganz speziellen Klassenzimmer-Merksatz-Projektarbeits-Plakaten und -Postern an den Wänden.

Diese Plakate finde ich immer sehr interessant (von den schwierigen Bedingungen, in solch einem Raum eine Wohlfühlatmosphäre für den Instrumentalunterricht zu schaffen, soll hier nicht die Rede sein). Auf dem größten Plakat in diesem Raum hatten die Schüler der 5c ihre Klassenregeln zusammengetragen. Eine Gruppenarbeit, deutlich an den unterschiedlichen Schriften zu erkennen. 

»Wir sind fehlerfreundlich«

Neben den Standardpunkten »Wir hören einander zu«, »Wir respektieren die Meinung von den anderen« oder auch »Wir helfen uns, wenn jemand was nicht alleine kann« gab es dort auch den Punkt: »Wir sind fehlerfreundlich«. Und das fand ich überraschend. 

Nicht in dem Sinn, dass mich der Gedanke, der meiner Idee nach hinter diesem Begriff steht, überraschte – sondern eher, dass genau dieser Begriff hier auf dieser Liste einer 5. Klasse verwendet wurde. Jetzt ist dieses Wort, das meinem Eindruck nach immer häufiger irgendwo aufploppt, also schon in den Schulen angekommen.

Fehlerfreundlich – was soll das eigentlich heißen? Ich konnte mich nicht erinnern, dass es, wenn das Wort in einer Liste, einem »Regelwerk« oder bei den »10 Tipps zur motivierenden Mitarbeiterführung« erwähnt wurde, weitere Ausführungen gab, die erklärten, was genau denn damit gemeint sein soll. 

Und sowas, also wenn Begriffe zur Beschreibung eines Verhaltens oder einer Umgangsweise wie selbstverständlich und ohne Erklärung in unterschiedlichen Kontexten verwendet werden, weckt bei mir sofort Neugier. Denn hinter solchen Begriffen kann man sich wunderbar verstecken: 

Alle gehen davon aus, dass die anderen schon wissen, was damit gemeint sein wird. Keiner traut sich, nachzufragen – weil dies ja den Anschein erwecken könnte, dass man selbst sich vielleicht nicht wirklich auskennt... Dann verkommen wichtige Begriffe, die ja eigentlich für eine bestimmte Idee stehen, zu »trendigen Worthülsen«. 

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engelhardt[at]clarino.de

Sandra Engelhardt entdeckte bereits während des Studiums ihre Leidenschaft für das Unterrichten. Menschen dabei zu begleiten und zu unterstützen, sich neugierig und offen mit neuen (Lern­)Inhalten zu beschäftigen und herauszufinden, welche Form des Lernens die individuell Passende ist, ist ihr ein Anliegen. 

Sandra Engelhardt ist dipl. Instrumentalpädagogin und Flötistin, zert. Coach (DBVC) und zert. Resilienz­Trainerin. Sie unterrichtet an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und an der Musikschule der Stadt Langenhagen und ist als Weiterbildungsdozentin im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs. Ihre Unterrichtsmethode »Wir flöten QUER!« ist bei Breitkopf & Härtel verlegt (2015).

www.sandraengelhardt.de 

  • 24.06.2019
  • Praxis
  • Sandra Engelhardt
  • Ausgabe: 6/2019
  • Seite 12-14

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