Vom Oboen-Spieler zum Global Player

Die Oboe ist das Instrument des Jahres 2017. Ihr charakteristischer Klang gehört in jedes Sinfonieorchester und hat nicht zuletzt Werke wie das musikalische Märchen "Peter und der Wolf" geprägt. Dabei ist besonders das Oboen-Rohr, also das Mundstück des Instruments, maßgeblich für dessen Klang verantwortlich. Professionelle Oboen-Spieler und Berühmtheiten der Szene bauen ihre Rohre selbst – und nutzen dafür Rohrbaumaschinen von "Reeds ’n Stuff" aus dem Erzgebirge.

Sein Flugzeug aus Nizza ist eben erst gelandet, schon geht es für Udo Heng nach einem kurzen Zwischenstopp an seiner Wohnung in Leipzig wieder weiter nach Cranzahl: Hier, im Erzgebirge, empfängt er in wenigen Tagen einen Star-Oboisten aus Japan. Denn hier, im Erzgebirge, war Udo Heng selbst 16 Jahre lang Solo-Oboist am Eduard-von-Winterstein-Theater. Und hier, im Erzgebirge, gründete er sein Unter­nehmen "Reeds ’n Stuff", das heute zu den Marktführern für Rohrbaumaschinen zählt.

Zahlreiche Patente

Egal ob in den USA, Europa, Asien oder Südamerika, Udo Heng ist auf der ganzen Welt zu Hause – genau wie seine Produkte. Diese werden weltweit von den Koryphäen der Oboen-Szene genutzt. Sie bauen mit den kleinen Maschinen aus dem Hause "Reeds ’n Stuff" ihre eigenen Rohre. "Der Grund dafür ist einfach: Ein Oboen-Rohr kostet zirka 20 Euro. Mit einer Maschine von uns können zum gleichen Materialpreis 40 Rohre hergestellt werden", erklärt Udo Heng.

Und der Bedarf an neuen Rohren ist bei den Instrumentalisten groß, weiß der ehemalige Profi-Musiker: "Ein Rohr kann bei starker Beanspruchung schon nach einer Stunde unbrauchbar werden. Während eines Sinfoniekonzerts können so gut und gerne drei Rohre zum Einsatz kommen." Auch für verschiedene Räumlichkeiten, Luftfeuchten oder Saal-Akustiken bedarf es unterschiedlicher Rohre, die speziell auf die jeweiligen Instrumente abgestimmt sind.

Diese Problematik kennt Udo Heng durch seine Tätigkeit als Solo-Oboist am Eduard-von-Winterstein-Theater aus eigener Erfahrung. Für den Rohrbau in Eigenregie gab es zu dieser Zeit nur stark veraltete und unzureichende Technik. So tat er sich mit einem Ingenieur zusammen und entwickelte erste kleine Feinmechanikwerkzeuge. Damit einhergehend wurde "Reeds ’n Stuff" in Annaberg gegründet.

Udo Heng setzte bei der Gründung bewusst auf das Erzgebirge: "In der Region können wir bis heute auf ein hervorragendes Zuliefergeflecht zurückgreifen. Unsere Kooperationspartner arbeiten qualitativ auf höchstem Niveau und finden auch für komplizierte Probleme Lösungen." Schnell waren die Rohrbaumaschinen von "Reeds ’n Stuff" bei den Profis gefragt und so wuchs das Unternehmen kontinuierlich.

Die Entwicklung ist dabei nicht stehengeblieben: "Wir arbeiten ständig an unseren Produkten, entwickeln sie immer weiter und halten zahlreiche Patente. Zudem bauen wir auch unser Sortiment stetig aus", berichtet der Chef stolz. Heute arbeiten 13 Mitarbeiter im Unternehmen, das zwischenzeitlich in ein eigenes Gebäude in Cranzahl gezogen ist.

Die Produktpalette reicht von Rohrbaumaschinen für Oboen, Fagotte oder Dudelsäcke bis hin zu Blattbaumaschinen für Klarinetten oder Prüf- und Messtechnik für die gebauten Mundstücke. Natürlich liefert "Reeds ’n Stuff" seinen Kunden auch Stangenholz als Rohlinge für den Rohrbau oder Zubehör wie Fagottständer oder Etuis. Auch als Zulieferer für Musikinstrumentenbauer ist das Unternehmen tätig.

Der Fokus liegt aber weiterhin auf den hochwertigen Maschinen rund um den Rohrbau – und das weiß die exklusive Kundschaft zu schätzen. So kaufen bei Udo Heng beispielsweise Prof. Pierre Martens (Solo-Fagottist der Bamberger Symphoniker), Liang Wang (Solo-Oboist New York Philharmonic) oder Albrecht Mayer (Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker) ein.

"Der größte Markt sind für uns die USA, gefolgt von Asien und Europa. Wir haben aber auch Kunden in Südamerika oder Australien", so Udo Heng. Nicht zuletzt deshalb ist er viel unterwegs: "Der enge Kontakt zu unseren Kunden ist mir sehr wichtig. So reise ich im Jahr bestimmt zwei- bis dreimal um die Welt, auch um individuelle Kundenwünsche zu erfüllen." Beispielsweise baute das Unternehmen die leichteste Hobelmaschine der Welt – für eine Oboistin, die selbst sehr viel auf Reisen war.

20-Jähriges Jubiläum und weiterhin auf Wachstumskurs

Am 14. Mai 2017 hat "Reeds ’n Stuff" sein 20-jähriges Jubiläum begangen. Udo Heng blickt zufrieden auf die vergangenen Jahre zurück: "Seit der Gründung haben wir uns konstant positiv entwickelt." Dafür setzte man bereits von Anfang an auf fortschrittliche Methoden, beispielsweise als schon 1997 – in den Anfangszeiten des Internets – die Basis für den ersten Online-Shop des Unternehmens gelegt wurde.

Darüber hinaus arbeitete Udo Heng von Beginn an mit den Multiplikatoren in der Musikerszene zusammen. Der Erfolg gibt ihm heute Recht: "Und auch in den kommenden Jahren möchten wir weiter wachsen. Deshalb suchen wir zum einen neue Mitarbeiter und bilden selbst aus, zum anderen werden wir in neue Technik investieren."

Schon jetzt arbeiten seine Beschäftigten an modernen CNC-Maschinen oder entwickeln Prototypen mithilfe von 3-D-Druckern. Hinzu kommen soll bald eine Roboteranlage. Denn mit Spitzenprodukten "Made im Erzgebirge" möchte der ehemalige Oboen-Spieler Udo Heng noch lange Global Player bleiben.

  • 01.06.2017
  • Service
  • Daniel Schalling
  • Ausgabe: 6/2017
  • Seite 52-53

« zurück