Unkonventionell - Der Klarinettist Daniel Graumann

  • 20.03.2012
  • Porträt
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 4/2012
  • Seite 40-43

Daniel Graumann macht Musik. Er ist erster Klarinettist bei der Dütetaler Blaskapelle in Wellendorf. Manchmal bleibt er, wenn die Musiker Applaus bekommen, als einziger sitzen. Das liegt nicht daran, dass er arrogant wäre oder nicht wüsste, was sich gehört. Daniel Graumann weiß schlichtweg nicht, dass alle anderen aufgestanden sind. Daniel Graumann ist blind.

Man kann sich das vielleicht irgendwie vorstellen, wie es ist, wenn einem das Augenlicht genommen wird. Wobei – wirklich nachempfinden kann man es wohl nicht. Wie fühlt es sich an, blind zu sein? Das ­dürfte für die meisten Sehenden eine nicht zu beantwortende Frage sein. Und das ist wohl auch der Grund dafür, dass sich viele im Umgang mit Blinden so schwer tun. Daniel Graumann war zwölf, als es sein rechtes Auge traf. Ein Schlag während eines Schwimmwettkampfs traf die Netzhaut. Die hielt dem nicht stand, Wasser gelangte hinter die Netzhaut. »Das hat mir damals wirklich den Boden unter den Füßen weggezogen«, erzählt Daniel Graumann heute, 14 Jahre später. »Ich wollte das nicht wahrhaben. Ich war dann ein Trotzkopf und bin trotzdem beispielsweise Fahrrad gefahren – entgegen dem ärztlichen Rat und bis eine Straßenlaterne im Weg stand.« Das Licht des linken Auges verlor Daniel Graumann schleichend. Ein Gendefekt sorgt dafür, dass der derzeit mitten in seiner Bachelor-Arbeit steckende 26-Jährige heute kaum noch hell und dunkel unterscheiden kann. »Im vergangenen Jahr konnte ich noch joggen, weil ich den Weg erkennen konnte. Das ist jetzt zu gefährlich.« 

Daniel Graumann klingt, als käme er mit seiner Behinderung einigermaßen klar. Er ist ein äußerst humorvoller, redseliger Zeitgenosse, der es seinem Gegenüber zudem sehr leicht macht, über die Schwierigkeiten und Probleme zu reden, was es bedeutet, nicht sehen zu können. Doch wieviel von diesem äußeren Eindruck der Tatsache entspricht, weiß man nicht wirklich. »Ich weiß, dass ich es eigentlich akzeptieren sollte, dass ich blind bin«, sagt er. Doch wenn wirkliche Schwierigkeiten auftreten, ist das mit der Akzeptanz so eine Sache. Da muss sich nur auf dem üblichen Weg zur ­Arbeit eine Baustelle befinden – der Lärm und die geänderte Wegführung können ­einem Blinden die Orientierung rauben. Hilflosigkeit macht sich dann breit. 

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