unfreundliche übernahme? - was ist klezmermusik und wer darf sie spielen? (teil 1)

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Franz X.A. Zipperer
  • Ausgabe: 4/2006
  • Seite 28-31

Klezmerstammtische, Klezmersessions, Klezmer im Bundestag, Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik für die Klezmergruppe »Kroke« – Klezmer boomt. Ohne Zweifel. »Klezmer war einmal die Festmusik der Ostjuden. Inzwischen haben die Deutschen ihre heiße Liebe zum Klezmer entdeckt – und das empfinden viele Juden als ärgerlich.« So schrieb Thomas Groß bereits 2003 in »Die Zeit«. Was lieben die Deutschen an Klezmer und warum? Was bedeutet diese deutsche Klezmerliebe? Ist es eine Affenliebe? Und ist sie wirklich deutsch? Auf jüdischer Seite wird diese Begeisterung für Klezmer oft als unfreundliche Übernahme dieser Musik empfunden. Dies manifestiert sich beispielsweise in einem CD-Booklet der Gruppe »Brave Old World« so: »Wir sind die Indianer Europas, und die Kinder unserer Mörder sind auf der Suche nach den Geheimnissen unserer gemarterten Weisen.« Damit wird eindeutig die Frage aufgeworfen, wer diese Musik mit welcher historischen, ethischen oder ethnischen Qualifikation spielen darf. Aber es wirft gleichzeitig auch die Frage auf, ob Klezmer überhaupt von irgendeiner Seite vereinnahmt werden darf.

Dieser Schwelbrand kokelt in Deutschland etwa seit kurz nach der Wende munter vor sich hin. Bevor dieses Glimmen zur Explosion kommt, erscheint es unerlässlich, die schwelenden Balken beiseite zu schaffen. Nach Matthäus 7,1-6 möchte man den Zündlern auf beiden Seiten zurufen: »Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, und den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen!«

 

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