Über Musiker und Machthaber: Terror, Tricks und Tragik

In vorbürgerlichen Zeiten war die Sache klar. Wer als Musiker ökonomisch einigermaßen gesichert leben wollte, versuchte sich an einem der vielen Fürstenhöfe zu verdingen. Dort stand der Musiker dann im Rang eines Hof­dieners oder Lakaien und trug Uniform oder Livree. 

Musiker als Leibeigene

Für Hofmusiker waren die Wünsche des Fürsten verpflichtend. Verlangte dieser nach einem Stück für 16 Flöten oder einer Sinfonie mit singendem Hund, dann lie­ferte man das auch. Es gab keine Urlaubsregelung und keine festen Arbeitszeiten – musiziert wurde dann, wenn dem Brotherrn nach Unterhaltung zumute war, und wäre es mitten in der Nacht. Honorare wurden nach fürstlicher Lust und Laune bezahlt. 

Der Musiker war gleichsam Leib­eigener und rangierte, wie der arme Mozart bitter vermerkte, knapp über dem Küchen­personal. Von Kaiser Joseph II. ­wurde er einmal gerügt, er habe in der »Entführung aus dem Serail« zu viele Noten verwendet – ganz so, als ginge es um zu viel Salz in der Suppe. 

Ein Recht auf Kündigung gab es natürlich nicht. Wer den Dienstherrn wechseln wollte, musste ein guter Diplomat sein. Fiel man beim Fürsten in Ungnade, erntete man in der Regel Beschimpfungen und eine unrühmliche Entlassung. Machte man sich aber ohne Erlaubnis aus dem Staub, drohte Schlimmeres. 

Als der große Hornist Johann Stich seine Stellung als musikalischer Hofdiener nicht mehr ertrug, floh er 1768 von Böhmen nach Schwaben. Sein Dienstherr aber schickte ihm Späher hinterher mit dem Auftrag, dem Flüchtling die Vorderzähne auszuschlagen, damit seine Bläserkarriere beendet wäre. Stich änderte seinen Namen zu Giovanni Punto und entkam seinen Häschern glücklicherweise. Später inspirierte er Mozart und Beet­hoven, für ihn zu komponieren.

Emigranten zur NS-Zeit

Unter den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts waren die Bedrohungen für Musiker weitaus größer. Als Hitler 1933 in Deutschland die Macht an sich riss, gerieten alle in Gefahr, die aus Sicht des Regimes »undeutsche« und »entartete« ­Musik schrieben oder spielten. 

Vielen wichtigen Musikern (zumal jüdischen) blieb nichts anderes als die Emigration. In Paris wimmelte es bald von Musikschaffenden aus Deutschland (und später Österreich). Berthold Goldschmidt wurde Dirigent in London, Erich Wolfgang Korngold wurde Filmkomponist in Hollywood, der Operettenmeister Robert Stolz schrieb Songs in New York. Auch Dessau, Eisler, Klemperer, Krenek, Schönberg, Walter, Zemlinsky und viele andere gingen in die USA. 

Wer nicht emigrieren konnte oder wollte, riskierte sein Leben. Viktor Ullmann wurde in Auschwitz ermordet, Erwin Schulhoff starb in einem Lager in Bayern.

Das Schwerpunktthema »Musik und Politik« besteht aus vier Artikeln mit insgesamt 11 Seiten: 

  • 20.12.2018
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 12/2018
  • Seite 32-33

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