Über die Familie Astor: Ein Millionär aus Kurpfalz

Vom Metzgerssohn zum Millionär: Die Geschichte von Johann Jacob Astor ist der wahr gewordene amerikanische Traum. Im folgenden Text geht es außerdem um einen Fußballclub, ein Autobahnkreuz, Opium, Whisky und Zigaretten, das Empire State Building, die Titanic, einen Selleriesalat und vieles mehr. Blasinstrumente spielen natürlich auch eine Rolle.

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze – so heißt es in der deutschen Fußballwelt. Dieser Satz muss meistens dann herhalten, wenn im DFB-Pokal mal wieder ein hoch favorisiertes und hochbezahltes Profiteam gegen einen scheinbar chancenlosen Amateurclub ausgeschieden ist. Für Spott und Schadenfreude ist da gesorgt. Und eben das ist ja das Schöne am Pokal: dass hier die Kleinen manchmal die Großen ärgern.

Der FC-Astoria Walldorf

Der Fußballclub, der im jetzt laufenden Pokalwettbewerb für die größte Furore sorgt, heißt FC-Astoria Walldorf. Die Mannschaft spielt in der Regionalliga Südwest (also viertklassig), hat im Pokal aber bereits einen Zweitligisten und einen Erstligisten aus dem Wettbewerb geworfen und steht jetzt in der dritten Runde.

In Walldorf wohnen gerade mal 15 000 Menschen. Man kennt den Ort am ehesten von Autobahnfahrten her – das Kreuz Walldorf, ein klassisches »Kleeblatt«, verknotet die A5 mit der A6. Doch in Wirklichkeit hat der Ortsname Walldorf längst schon Weltkarriere gemacht. Es ist diese badisch-kurpfälzische Kleinstadt, die zum Namen der Hotelkette »Waldorf=Astoria« inspirierte. Auch im Waldorfsalat steckt dieses Walldorf drin. Und in den Waldorfschulen.

Viele Fußballfans glauben wahrscheinlich, der Vereinsname »FC-Astoria« sei nur ein Marketing-Gag, ein schlauer Wortwitz, weil »Astoria« neben »Walldorf« irgendwie nach großer Welt klingt. Tatsächlich aber hieß schon der Vorgängerclub von 1908 »SG Walldorf-Astoria«, und tatsächlich ist in Walldorf alles Astor und Astoria.

Es gibt dort ein Astorstift, eine Astor-Straße, die Astoria-Halle, das Astorhaus, sogar einen Astor-Garten und eine Astor-Büste. Auch Restaurants und der Campingplatz tragen Astor im Namen. Des Rätsels Lösung: Der Stammvater der berühmten Millionärsfamilie Astor wurde in Walldorf geboren, und zwar im Jahr 1763.

Die Familie Astor

Rund 75 Jahre vorher hatte Walldorf seine vielleicht traurigste Stunde erlebt. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg – Ludwig XIV. hatte mal wieder Machtgelüste – wurde Walldorf völlig zerstört. Um den Ort neu zu besiedeln, ließ man religiös Verfolgte (»Flüchtlinge«) aus dem Ausland in die Pfalz. Darunter war damals auch eine Familie Astor aus Savoyen oder der Schweiz, die dem waldensischen Glauben angehörte.

Die Astors betrieben bald die Metzgerei in Walldorf. Doch das Geschäft reichte nicht aus, um eine große Familie zu ernähren. Also wurden die Söhne angehalten, in die weite Welt zu ziehen und dort ihr Glück zu machen.

  • 21.12.2016
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 1/2017
  • Seite 50-52

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