Tübchen in F »Orchestra« von Bernd Jestädt - Kleines Instrument ganz groß

  • 21.09.2011
  • clarino.test
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 9/2010
  • Seite 26-28

Will man sich heutzutage im Haifischbecken Blasinstrumentenbau behaupten, darf man nicht nur Altbewährtes erhalten oder nachbauen, sondern muss auch auf Neuheiten und Innovationen setzen. In der Werkstatt von Bernd Jestädt im osthessischen Großenlüder/Bimbach steckt man einen großen Teil der Energie in die innovative Arbeit. Der Erfolg ist beachtlich: In den vergangenen zehn Jahren sind in der Werkstatt acht Neuentwicklungen entstanden. Man denke zum Beispiel an das Soprantenorhorn, das Es-Flügelhorn oder das Hörnchen. Neueste Entwicklung: das Tübchen in F »Orchestra«. Der Redaktion lag ein solches Instrument vor und die Tester kamen zu dem Ergebnis – so viel sei vorweggenommen –, dass sich auch ein Goldfisch im Haifischbecken durchsetzen kann. Und wie...

Schon der Name »Tübchen« lässt von vornherein erahnen, was einen beim Öffnen des Etuis erwartet. Denn die Verniedlichungsform von »Tuba« legt die Vermutung nahe, dass es sich hier um eine kleine Tuba handeln könnte. Doch Obacht bei (vor)schnellen Urteilen, denn bei dem vorliegenden Testintrument, dem Tübchen in F »Orchestra«, handelt es sich mitnichten um ein Kinderinstrument (oder gar eine Spielzeugtuba). Das Tübchen ist eine voll- und hochwertige F-Tuba, die sicherlich ihre Freunde bei den Jüngsten unter den Musikerinnen und Musikern finden, doch genauso ihre Fans bei den Erwachsenen rekrutieren wird. Mit dieser Tuba ist es Bernd Jestädt gelungen, eine F-Tuba in einem handlichen Format zu entwickeln, die keine Wünsche offen lässt.

Der handwerkliche Test

Diese erste Erkenntnis teilt auch der handwerkliche Tester: »Wenn man von einer F-Tuba spricht«, erklärt  Metallblasinstrumentenmachermeister Dominikus Schmelzer vom Musikhaus Frei in Marktoberdorf, »setzt sich in Gedanken ein Bild einer schlanken und leichten Tuba zusammen. Vor uns steht das F-Tübchen aus dem Hause Jestädt und dieses Instrument widerspricht allen Vorstellungen einer ›kleinen Tuba‹.« Ein vollwertiges und vor allem ernst zu nehmendes Instrument eben.Mit einem Gesamtgewicht von 4,2 Kilogramm und der Gesamthöhe von 82 Zentimetern ist das Tübchen ein Instrument, das für nahezu alle Körpergrößen geeignet ist. Die kompakte Bauweise ist der eine große Pluspunkt, doch es kommt noch besser. Der Clou ist das verstellbare Mundrohr (»eine tolle Idee«, so der musikalische Tester Lothar Uth). Durch dieses nämlich lässt sich das F-Tübchen auf alle Körpergrößen anpassen und ermöglicht damit ein entspanntes und angenehmes Musizieren für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ebenfalls positiv ist der verstellbare Daumenring, der sozusagen »mitwächst« und so für Groß und Klein individuell eingestellt werden kann.

Auch beim Betrachten des Herzens des Instruments, also der Maschine, fällt dem Tester auf, dass die Drückerplatten des Drückwerks recht eng zueinander gestellt sind. Diese Tatsache deutet ebenfalls darauf hin, dass die Maschine speziell für kleine Hände angelegt wurde. Die Maschine macht einen sehr soliden Eindruck und ist überaus leichtgängig und präzise eingestellt. Mit einer Bohrung (Innendurchmesser) der Maschine von 19,5 Millimetern entspricht das Maß schon einer »großen F-Tuba« in Zylinderbauweise.Mit den Neusilberzügen und den Goldmessingbauteilen wurde grundsätzlich auf qualitativ hochwertiges Material geachtet. Die heute schon standardmäßig verwendeten Minibalkugeln kommen auch hier zum Einsatz, um Drücker und Ventilflügel zu verbinden. Das handliche, leichte Instrument ist »eine absolut interessante Erfindung, die auch optisch ein Hingucker ist«, urteilt Dominikus Schmelzer. Der Korpus wurde komplett in Goldmessing gefertigt und ist »für eine Tuba sehr schlank mensuriert«. Das Schallstück endet in einem Becherdurchmesser von gerade einmal 30 Zentimetern. Zum Vergleich: Das herkömmliche F-Tuba-Schallstück bewegt sich in einem Bereich zwischen 38 bis 42 Zentimetern. Eufonien oder auch ovale Baritone (beide in Grundstimmung B) werden zum Beispiel mit einem 30er-Schallbecher konstruiert.

Bleibt man noch einen Moment beim Schallbecher, so sieht man am weiten Teil einen Neusilberkranz, der zum einen eine zusätzliche Korpusversteifung darstellt und zum anderen eine Tonstabilität für den Bläser bedeutet. Schade ist, dass für den Hauptbügel lediglich ein Schutzdraht verwendet wurde und keine Schutzkappe. Diese nämlich werden meist aus Neusilber gefertigt und sind so – weil es das härtere Material ist – deutlich robuster gegen Stöße als das weiche Goldmessingblech. Hinsichtlich der Zielgruppe Kinder wäre dies möglicherweise ein Vorteil.Die Zusammensetzringe des Korpus sind schlicht aus Neusilber gehalten ohne Einstiche oder Verzierungen. Zusammengelötet ist der Korpus nicht immer parallel bzw. symmetrisch. Das »Innenleben« – also Hagel, Stimmzüge, Maschinenposition, 4. Zug – verläuft nicht immer in einem optisch harmonischen Verlauf nacheinander bzw. zueinander. Der eckige Stimmbogen gehört im Hause Bernd Jestädt zu jedem Instrument dazu und ist ein echtes Kennzeichen des Herstellers. An der Verbindung zwischen Stimmbogen und Maschine ist eine Wasserklappe angebracht, die beim leichten Kippen der Tuba mit Sicherheit einen Großteil der Flüssigkeit entfernt. Für den 4. Ventilzug wäre eine Klappe an der tiefsten Stelle noch sehr hilfreich.

Bernd Jestädt bietet das Instrument 4- oder 5-ventilig an. Optional kann der 4. Maschinenzug auch mit einem Trigger versehen werden, der über die linke Hand bedient wird. Diese Optionen runden das Instrument technisch ab und ermöglichen neben der ohnehin erstaunlich guten Intonation des Instruments Hilfsgriffe und stimmungstechnische Korrekturen im Spielbetrieb vorzunehmen.

Der musikalische Test

Im Praxistest ging das Tübchen diesmal sogar durch vier Hände, was aber nicht daran lag, dass ein Tester überfordert gewesen wäre, sondern schlichtweg an der Begeisterung des ersten Testers. Zum selben Ergebnis kamen sie trotzdem. Eine Auswahl der Vokabeln: »Klasse«, »Toll«, »Super«.Als gut bewerten die Tester schon den »spontanen Wohlfühlfaktor«. Dieses Instrument besticht durch ein perfektes Handling und eine erstklassige Intonation und Ansprache in allen Registern. Und das vom ersten Ton an. Denn obwohl die Tester von Hause aus die »ausgewachsenen« Tuben spielen, kamen sie ohne lange Eingewöhnungszeit mit dem Instrument klar. Lobenswert ist vor allem der »angenehme Blaswiderstand«.

Die Intonation ist vor allem in der Kontra- und der großen Oktave schlichtweg »super«. Lediglich der 5. und 6. Oberton sind leicht zu tief, diese lassen sich aber mit dem vierten Ventil gut korrigieren. »Kranke Töne« sind nicht vorhanden. Dem Klang attestieren die Tester das Attribut »groß«, was auch in der großen Bohrung begründet ist. Er erhält die Note »sehr gut«. Vom Solisten über das Ensemble bis hin zum Orchester ist das Tübchen einsetzbar.Die Bedienbarkeit bekommt von den Testern ebenfalls nur Bestnoten. Das ist unter anderem auf den Trigger am vierten Zug gemünzt sowie das Spiralfederdruckwerk. Das verstellbare Mundrohr sowie der »mitwachsende« Daumenring erhalten ein Sonderlob. Als einzigen negativen Punkt werten die Praxistester, dass das Instrument nicht auf dem Schallstück stehen kann. Gegebenenfalls müsste für (kleine) Anfänger zunächst ein anderes Mundstück verwendet werden, da das mitgelieferte zu groß sein könnte. Zusätzlich ist außerdem noch ein Marschgabelhalter am Instrument befestigt.

Fazit

Alle Tester sind voll des Lobes und bewerten das Instrument geradezu überschwänglich. Den Einsatzbereich sehen sie vor allem im Anfängerbereich, in Bläserklassen, aber auch in Schüler- und Jugendkapellen. Positiv ist die Flexibilität. Doch das Tübchen in F ist nicht nur für kleine Musiker geeignet. Das Instrument dürfte auch unter Erwachsenen (auch Profis) seine Anhängerschar finden. Das Tübchen in F »Orchestra« ist zwar ein kleines, aber trotzdem ganz großes Instrument.

Die Tester

Lothar Uth war 1969 Bundespreisträger bei »Jugend musiziert« in Heidelberg, studierte Tuba an der Musikhochschule in Saarbrücken. Er spielte beim Sinfonieorchester des Saarländischen Rundfunks und am Staatstheater Saarbrücken und war Tubist des Philharmonischen Orchesters der Stadt Augsburg. Seit 1992 ist Uth Dozent für Tuba, Blechbläser und Methodik/Didaktik an der Musikhochschule Ausburg/Nürnberg (heute Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg) und war 1994 Initiator und Dozent des in Deutschland einmaligen Studiengangs »Blasorchesterleitung«. Unterstützt wurde er beim Test vom Tubisten Robert Sibich, Dirigent des Musikvereins Zusamaltheim.

Dominikus Schmelzer machte seine Berufsausbildung zum Metallblasinstrumentenmacher bei Wenzel Meinl in Geretsried, wo er auch ein weiteres Gesellenjahr im Tuben-, Cimbasso- und Basstrompetenbau ablegte. Er erlangte 2004 den Meisterbrief zum Metallblasinstrumentenmacher und ist heute Geschäftsführer des Musikhauses Frei in Marktoberdorf.

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