Trainingslager "Wie Bläser üben" (17) - Die pulverisierte Rille

Die meisten Jazzmusiker heute sind Hochschul-Absolventen. Sie haben den Jazz studiert. Doch wird diese akademische »Verschulung« dem spontanen, improvisierten Charakter des Jazz überhaupt gerecht? Tatsächlich wurde Jazz in seiner Frühzeit kaum einmal systematisch gelehrt. Wenn sich junge Menschen damals für diese ­Musik begeisterten, besorgten sie sich ein Instrument und versuchten darauf nachzuahmen, was die Großen machten. Sie trainierten keine Tonleitern, sie kannten keine Übungshefte, sie hatten keinen formalen Unterricht, sie wussten nichts über Harmonielehre. Viele konnten nicht einmal Noten lesen, sondern spielten rein nach Gehör. ­Ihrem Ansehen hat das nicht geschadet. Der Trompeter Chet Baker zum Beispiel ­gehörte zu den am meisten bewunderten Cool-Jazz-Stilisten. Sein Kollege Russ Freeman verriet: »In theoretischer Hinsicht war Chet ein völliger Analphabet. Er wusste nicht einmal, in welcher Tonart er spielte.«

  • 17.05.2013
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 6/2013
  • Seite 17

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