Tokyo Kosei Wind Orchestra - Ein Triumphmarsch in aller Bescheidenheit

  • 21.09.2011
  • Mainstory
  • Härtel/Schürer
  • Ausgabe: 11/2010
  • Seite 28-33

 Diese Tournee hat für mich eigentlich nur Höhepunkte«, zeigte sich Douglas Bostock, Principal Guest Conductor des legendären Tokyo Kosei Wind Orchestra, begeistert. »Das Publikum gibt uns mit seinen Reaktionen so unglaublich viel, es ist toll«, pflichtete auch Konzertmeister Nobuya Sugawa bei. Doch nicht nur Douglas Bostock und seine Musiker hatten Freude an ihrer Europatournee zum 50-jährigen Orchesterjubiläum. Die Konzerte des Spitzenklasse-Ensembles in Italien, der Schweiz, Deutschland und der Türkei dürfen durchaus als schlichtweg das Konzertereignis der vergangenen Jahre bezeichnet werden. Selbstverständlich war auch die clarino.print-Redaktion vor Ort und traf sich zum persönlichen Gespräch mit Douglas Bostock und Nobuya Sugawa.

Dem Tokyo Kosei Wind Orchestra eilt ein besonderer Ruf voraus. Es wird als »das weltbeste Blasorchester« gehandelt. Dementsprechend hoch war die Erwartungshaltung in den vollen Konzertsälen, die gefüllt waren mit dem »Who is who« der Blasorchesterwelt – Dirigenten, Verleger und Musiker trafen sich hier... und waren sprachlos! Das Tokyo Kosei erfüllte nicht nur alle Erwartungen, es übertraf sie. Rhythmik, Intonation, Klang, Balance, die schwierigsten Stellen, die heikelsten Einsätze – elegant und entspannt, energisch und emotional erklang Blasorchestermusik, die ihresgleichen sucht. Und jeder, der eines dieser Konzerte besucht hat, wird nun das Klischee, Asiaten hätten eine brillante Technik, aber keine Tiefe, widerlegt wissen.

Mit einem Repertoire von rund 20 Werken, darunter Klassiker der Blasorchesterliteratur und junge, japanische Kompositionen, reiste das Orchester nach Europa. Intention war natürlich, jedem Publikum ein abwechslungsreiches und auch abwechselndes Programm mit Nobuya Sugawa als Solist am Altsaxofon oder Antonio Piricone als Solist am Klavier bieten zu können. »Es sind nicht nur neue Werke für uns, einige hatten wir schon im Repertoire«, betont Sugawa, »sonst hätten wir das Programm nicht in vier Tagen erarbeiten können.« In vier, ja in vier Tagen Probenarbeit mit Douglas Bostock ist dieses Orchester in der Lage, ein derart meisterlich gespieltes Programm auf die Beine zu stellen. Und Douglas Bostock fügt hinzu: »Wenn es nur neue Werke gewesen wären, hätten wir fünf oder sechs Tage benötigt.« Klingt das etwa angeberisch? Nein, sicher nicht. Denn als langjähriger Chefdirigent dieses Ensembles weiß Douglas Bostock um das immense Leistungsvermögen dieses Orchesters und genauso um die exakte und umfassende Vorbereitung der einzelnen Musiker auf die Gesamtproben.

Infos: www.tkwo.jp/english

 

Nobuya Sugawa - »Man sollte nicht zu schnell zu viel von sich erwarten«

Einen freien Tag haben die Musiker des Tokyo Kosei Wind Orchestra in Friedrichshafen. Und wie verbringt ihn Nobuya Sugawa, der Saxofonvirtuose und Konzertmeister dieses Weltklasse-Ensembles? Er testet Saxofone. Eine Aktion von Yamaha, deren Endorser Nobuya Sugawa ist. Sugawa soll aus einer Auswahl an Instrumenten der Serie Custom »YAS875EX« die besten erwählen, die dann von ihm signiert und von Interessierten bei verschiedenen Händlern angespielt und erworben werden können. Anneliese Schürer und Klaus Härtel aus der clarino.print-Redaktion waren exklusiv dabei und trafen Sugawa anschließend zum Interview. Der Halbgott am Saxofon ist, das macht das Gespräch deutlich, auch nur ein Mensch – zurückhaltend, respektvoll, freundlich und erstaunlich leise.

Schon allein die zwei Stunden, in denen er testet, probiert, untersucht, sind faszinierend. Vergleichbar mit einem guten Masseur, der innerhalb kürzester Zeit genau die Stellen ertastet, die schmerzen, findet Sugawa kleinste technische Mängel, die vom eigens mitgereisten Yamaha-Saxofonreparateur behoben werden. Dann geht es an den musikalischen Test. Und Sugawa ist sorgfältig. Ohne eine Show daraus zu machen, demonstriert er eindrucksvoll, was auf einem Saxofon möglich ist, vor allem was er aus einem Saxofon herauszuholen imstande ist. Da fliegen die Finger, da jauchzt das Instrument – von den »Bildern einer Ausstellung« bis zur »Rhapsody in Blue« erklingen Orchesterstellen. Nicht um sein immenses Können in den Vordergrund zu stellen, sondern um eben die besten Instrumente zu finden. Was für ihn beim Instrument, beim Saxofonspiel und an der Musik im Allgemeinen wichtig ist, erzählte er anschließend.

clarino.print: Herr Sugawa, Sie haben gerade ausgiebig Saxofone getestet. Was macht ein gutes Instrument für Sie aus?

Nobuya Sugawa: Ich habe gerade im ersten Durchlauf die Mechanik geprüft, bevor ich auf Ton, Sound und klangliche Flexibilität eingegangen bin. Gerade die Flexibilität ist für ein gutes Instrument elementar, denn Saxofonisten spielen meist sehr viele verschiedene Stile – von Klassik bis Jazz. Dabei ist mir auch der erste Eindruck des Instruments sehr wichtig, wie schnell man sich darauf wohl fühlt. Und man sollte auch bedenken, dass ein Saxofon innerhalb etwa eines Jahres immer noch besser wird.

Wie würden Sie den Saxofonklang beschreiben, den Sie bevorzugen, wünschen, anstreben?

Ich wünsche mir einen warmen und einen etwas hellen Saxofonklang, weil ich der Meinung bin, dass – vor allem wenn man als Solist mit Klavierbegleitung oder mit Orchester auftritt – der Saxofonklang darüber schweben können sollte.

Glauben Sie, dass Saxofon leicht zu erlernen und zu spielen ist?

Für Anfänger ist es recht leicht, die ersten Töne zu spielen. Schon nach wenigen Wochen kann man schöne Melodien spielen. Aber um ein wirklich hohes Level zu erreichen, muss man schon hart arbeiten.

Wenn Sie nochmal wählen könnten, würden Sie ein anderes Instrument als Saxofon lernen?

Nein, ich denke nicht. Bevor ich Saxofon lernte, habe ich Flöte in der Band der Junior High School gespielt. Aber dann habe ich zum Saxofon gewechselt – glücklicherweise.

Wenn Sie Saxofon spielen, haben Sie einen sehr klassischen Ansatz. Wie wichtig ist der Ansatz?

Er ist sehr wichtig, vor allem für die Kontrolle. Das ist bei anderen Ansatzarten schwieriger. Man braucht Spannung im Kinnbereich und entspannte Lippen, um Intonation, Klang und Ansprache zu beherrschen. Besonders Highnotes sprechen mit dieser Art des Ansatzes leichter an. Natürlich spielen beispielsweise viele große Jazz-Saxofonisten mit einem anderen Ansatz, aber die brauchen auch einen individuelleren Sound.

Wechseln Sie Ihre Mundstücke oder Ihre Blätter, je nachdem wo und was Sie spielen?

Nein, egal ob ich im Tokyo Kosei spiele oder als Solist, ob ich Jazz oder Klassik spiele, ich spiele dasselbe Mundstück und dieselben Blätter. Es hängt immer von der Spielweise ab, vom Ansatz. Beispielsweise versuche ich auch, den Hals und den Mundraum immer weit geöffnet zu haben. Weil ich eben viel als Solist auftrete, brauche ich eine gute Resonanz und das hilft mir dabei.

Sie sind ein sehr gefragter Solist, haben Sie da noch Zeit zu unterrichten?

Bevor ich Musiker des Tokyo Kosei Wind Orchestra wurde, habe ich an der Tokyo University of Fine Arts unterrichtet. Heute besteht mein Alltag aber zu 90 Prozent aus spielen. Ich gebe gelegentlich Meisterkurse und das ist mir auch wichtig. Es macht mir viel Freude, junge Menschen zu unterrichten und ihnen etwas mitzugeben. Zum Beispiel, dass sie nicht zu schnell zu viel von sich erwarten sollen. Das braucht alles seine Zeit. Oder dass sie ihre Ohren benutzen sollen, um Musik zu machen. Bewusstes Zuhören ist essenziell. Auch theoretische Dinge sind fürs Spielen wichtig, wie Harmonielehre oder Musikanalyse. Aber ich brauche einfach auch viel, viel Zeit, um zu üben.

Sie sind ein Idol für viele Saxofonisten in aller Welt. Haben oder hatten Sie selbst Idole?

Natürlich, das erste prägende, ja schockierende Erlebnis war, das Saxofonquartett von Daniel Deffayet spielen zu hören. Das war so schön, die hatten so einen wundervollen Klang.

Gibt es bestimmte Komponisten oder Kompositionen, die Sie besonders gern mögen oder bevorzugt spielen?

Eine schwierige Frage . . . da gibt es so viele. Ich beauftrage oft Komponisten damit, neue Musik für Saxofon zu schreiben. Das finde ich sehr wichtig. Doch Neue Musik ist oft zu akademisch für das Publikum. Und ich möchte das Publikum in meinen Konzerten natürlich gut unterhalten, das darf auch gern mit Pop-Songs oder Filmmusik aus Disney-Filmen sein. Das mögen die japanischen Zuhörer. Das heißt, wenn ich in einem Solokonzert sechs Titel spiele, sind zwei neue Kompositionen, das ist mir wirklich wichtig, die anderen sollen einfach nur gefallen.

Haben Sie Pläne oder Wünsche für die Zukunft?

Ich würde gern öfters für Konzerte und Meisterkurse nach Europa kommen. Beispielsweise an einem Tag mit einem Orchester ein Konzert spielen und am nächsten Tag einen Kurs geben. Ich möchte gute Eindrücke vom Saxofon vermitteln und jungen Schülern oder Studenten musikalisch zur Seite stehen. Je nachdem, ob sie an der Hochschule studieren oder in einem Orchester spielen, muss man natürlich immer auch verschiedene Dinge beachten. Das liegt mir sehr am Herzen.

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