Till Martin: In der Ruhe liegt die Kraft

Der Saxofonist aus München spielt zeitgemäßen Cool Jazz – so sanft wie raffiniert und diesmal sogar ganz ohne Schlagzeug. Gleichzeitig verbeugt sich Till Martin vor einigen seiner Jazzhelden der 1950er Jahre. »Knit For Elly« darf schon heute als eines der schönsten Jazzalben des Jahres 2017 gelten.

Viel Substanz, keine Show

Vor 20 Jahren erschien sein erstes Album unter einem eigenen Namen: »On the Trail«. Seitdem ist der Münchner Tenorsaxofonist Till Martin konsequent seinen Weg gegangen, Schritt für Schritt, Projekt um Projekt. Was er machte, war nie laut, reißerisch oder sensationsheischend. Er wechselte nie plötzlich die Laufrichtung oder fing an zu hüpfen.

Die Süddeutsche Zeitung beschrieb ihn einmal als einen »ruhigen, ehrlichen und nüchternen, auf eine hintergründige Art freundlichen und humorvollen Menschen«. Genauso ist sein Jazz: dynamisch eher gedämpft, aber im Detail handfest, geradlinig, verbindlich und tiefgängig. Mit viel Herz und viel Kopf. Lyrisch, aber deutlich. Cool, aber nicht kalt. Viel Substanz, keine Show.

Till Martin selbst sagt: »Wenn es gut gemacht ist, dann ist ›weniger‹ meistens ›mehr‹. Da ist dann für die musikalische Idee und für das Spontane der Raum da, um sich entfalten zu können. Von dort aus kann es auch komplexer oder energetisch dichter werden. Aber Ruhe – als Möglichkeit – ist die Voraussetzung dafür.«

Diesmal ohne Schlagzeug

Im Konzert und auf seinen Alben hat man den Saxofonisten Till Martin meistens im Quartett gehört: er, Piano, Bass, Schlagzeug. Manchmal war noch ein fünfter Akteur mit dabei – auf CD mal ein Posaunist, mal ein Bratscher, mal eine Sängerin. Wilde Sound- und Formatexperimente gab es bei Till Martin nicht – dennoch fand er immer wieder neue Facetten im Bewährten, griff zur Bassklarinette, setzte elektrische Klangfarben ein oder hantierte ein Album lang mit einer Zwölftonreihe.

  • 29.03.2017
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 4/2017
  • Seite 48-49

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