Thomas Gansch: Mehr als ein Musiker

Wer ist Thomas Gansch? Diese Frage wird fast jeder beantworten können. Vielleicht wird sie auch jeder anders beantworten, zählt er doch zu den facettenreichsten und gefragtesten Trompetern Europas. Er gilt als einer der stilprägenden Musiker der jüngeren Generation. Der Mann kann auf seiner Trompete alles spielen: Jazz, Klassik, Crossover und alles dazwischen. Außerdem ist er auf der Bühne ein Wirbelwind und ein großer Pointenlieferant mit perfektem komödiantischem Timing. Wir trafen den Musiker vor dem Mnozil-Brass-Auftritt in Reutlingen.

Ihr Geburtstag ist der 31. Dezember 1975 – haben Sie in Ihren 40er rein- oder aus dem 40er rausgefeiert?

Das ist beim 40er genau so gewesen wie bei allen anderen Geburtstagen davor: Ich feiere immer am 30. Dezember in meinen Geburtstag rein. Am 31. sind ja eh alle besoffen.

1975 ist offenbar ein guter Jahrgang, was die Musik angeht: Queen singen »Bohemian Rhapsody«, Pink Floyd »Wish you were here« und AC/DC bringen ihr erstes Album »High Voltage« heraus. Und Sie werden geboren – das kann kein Zufall sein, oder?

Doch.

Haben Sie denn eine Beziehung zu den genannten Bands?

Zu AC/CD und Queen auf jeden Fall. Vor allem die Musik von Queen fließt immer wieder mal ein. Die gehört dazu. Auch an der Persönlichkeit von Freddie Mercury kommt man nicht vorbei, wenn man auf der Bühne arbeitet.

Der Mensch hat bestimmte Urängste, wie etwa lebendig begraben zu werden. Gehört der Verlust des Mundstücks – das Sie nun seit über 20 Jahren spielen – zu Ihren Urängsten?

Die Angst war schon mal größer, weil ich einfach nicht gerne wechsle. Ich habe immer lange gebraucht, mich an neue Mundstücke zu gewöhnen. Ich spiele gerne gut und wenn ich ein paar Wochen brauche, um mich an etwas zu gewöhnen, dann kommt mir das wie Jahre vor. Drum bleibe ich lieber beim Bewährten. Früher habe ich sogar gemeint und war überzeugt davon – ich hatte Kopien von meinem Mundstück bekommen –, dass ich den Unterschied spüre. Mittlerweile glaube ich das nicht mehr, wenngleich es sicher eine gewisse Umgewöhnungsphase gibt.

Mein Bruder hat einmal eine Aufnahme mit Maurice Murphy gemacht und ich habe ihn darum gebeten, mir irgendwas von ihm mitzubringen. Murphy war damals mein Lieblingstrompeter in der Orchesterwelt. Mein Bruder hat für seinen kleinen Bruder dann das Mundstück bekommen, auf dem Murphy den letzten Harry-Potter-Film eingespielt hat. Also wenn ich mal wechseln sollte, dann auf dieses Mundstück. Aber bis dahin: Never change a winning team!

Man spricht oft von der ganz besonderen Beziehung des Musikers zu seinem Instrument – wie ist das bei Ihnen?

Das Gansch-Horn ist für mich gemacht. Wir haben es gemeinsam geplant und dann wurde es für mich gebaut. Es ist für mich das richtige Instrument, denn ich spiele lieber Drehventile. Außerdem muss ich beim Spielen beweglich sein – deshalb ist das Instrument mit einer Hand bedienbar. Ich lebe ja nicht weit weg von Mank und die Beziehung von Gansch zu Schagerl geht schon auf unsere Väter zurück.

Ich musste in der Schulzeit damals eine Schnupperlehre machen, die ich bei Schagerl absolviert habe. Da habe ich nützliche Dinge gelernt, etwa wie man eine Drehventil-Trompete auseinandernimmt, reinigt und wieder zusammensetzt. Ich war immer wieder dort und habe schließlich gemeinsam mit Robert Schagerl ein bisschen ausprobiert. Von ihm ist auch das Design mit dem nach oben gebogenen Schallbecher. Denn der musste ja am Ventil vorbei. Und mir kam das sehr entgegen, weil ich nach unten spiele und andernfalls etwa der Notenständer in die Quere kommen würde.

Der gebogene Schallbecher ist also nicht nur optische Spielerei?

Natürlich ist der mittlerweile ein optisches Markenzeichen geworden. Aber es kommt mir vor allem entgegen, weil ich »Down-Streamer« bin. Ich habe ja vorher alles auf der Deutschen Trompete gespielt und das ist recht schwer mit einer Hand. Außerdem musste ich mich immer nach hinten durchbiegen, damit ich über das Pult drüber spielen kann – und gleichzeitig kann man dann nichts mehr lesen. Das ist sehr unangenehm. Und mit dem nach oben gebogenen Trichter eben nicht mehr...

  • 01.04.2016
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 4/2016
  • Seite 44-47

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