Thomas Doss und Hubert Hoche im Interview: Zwei Komponisten, einhundert Jahre

  • 02.05.2016
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 5/2016
  • Seite 56-58

Klar, man weiß voneinander und man schätzt sich unter Komponisten. Doch erst beim Hammelburger Festival »UNerHÖRTes« im März lernten sich Thomas Doss und Hubert Hoche kennen. Gemeinsam haben sie abgesehen vom Beruf noch ihr Geburtsjahr. Aus diesem Grund ist CLARINO zum 100-Jahre-Gespräch dazugestoßen.

Im Jahr 1966 ist auch musikalisch viel passiert. Die Plattensammlung gab eine Menge her. Das Musical »Cabaret« erscheint auf dem Broadway, Udo Jürgens gewinnt den Grand Prix Eurovision de la Chanson und Arthur Rubinsteins Einspielung des Beethoven-Klavierkonzerts Nr. 4 (mit dem Boston Symphony Orchestra) gewinnt den Grammy.

Drei Titel haben es auf das iPad geschafft, um Thomas Doss und Hubert Hoche vorgespielt zu werden. Den Anfang macht »Paperback Writer« von den Beatles, vermutlich nicht das populärste Werk der FabFour, aber aufgrund des erstmals angewandten Artificial Double­Tracking ein weiterer Meilenstein. Und natürlich wird es sogleich erkannt. Wohlwollendes Nicken begleitet den Rhythmus. Es folgt »Strangers in the Night« von Frank Sinatra und Hubert Hoche raunt ein zustimmendes »hmmm« in die Runde. Unwillkürlich gehen beide den Takt mit. Ein Welthit, ein Evergreen. Den Schluss- und Höhepunkt der Chartshow bildet ebenfalls ein Hit. Schon bei den ersten Takten scheinen sich bei den beiden Komponisten die Nackenhaare aufzustellen: »Marmor, Stein und Eisen bricht« von Drafi Deutscher. Beide schauen zudem ungläubig. 1966 sei das? So alt schon? Thomas Doss entfährt es spontan: »Das Lied hab ich immer gehasst. Immer gehasst.«

CLARINO: Welcher dieser Songs ist euch denn am ehesten in die Wiege gelegt?

Doss: Drafi Deutscher sicherlich nicht. Ich schwanke zwischen den Beatles und Sinatra. Das spricht zwei unterschiedliche Sachen in mir an, auf die ich sofort reagiere. Die Beatles sind meine Jugendzeit, Sinatra steht für immerwährende Jugend. Diese Art von Musik hat mich von Anfang an gepackt. Die Beatles versprühen Nostalgie, »Strangers in the Night« ist für mich ein Hit.

Hoche: Wie sind total konform miteinander. Drafi Deutscher löst bei mir einen Fluchtreflex aus. Da verlasse ich jeden Raum. Aber auch die Beatles waren nie meine Favoriten. Das ist tolle Musik und sie haben damit Welten bewegt. Die Stones haben ein bisschen mehr provoziert damals. Aber »Strangers in the Night« ist mir wahnsinnig nah.

Ist denn die Musik, mit der ihr aufgewachsen seid, Grund dafür, dass ihr beruflich dort gelandet seid?

Doss: Bei mir definitiv. Ich bin in einem Theaterhaus groß geworden und habe von Anfang an all das mitbekommen. Wobei ich sagen muss, dass ich – gerade in der Pubertät – versucht habe, eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Ich habe den Punk ausprobiert und alles, was verboten war. Erst nach der Pubertät bin ich wieder zurückgekommen zur Klassik. Aber auch nur dadurch, weil das Schulsinfonieorchester ziemlich gut war. Da habe ich meine Zeit mit Mahler und Bruckner verbracht und sehr, sehr viel für die Geigen und Geigerinnen geschwärmt. Das war meine Motivation, mich wieder mit der Klassik auseinanderzusetzen. Erstmals aus eigenen Stücken.

Hoche: In meinem Elternhaus gab es wenig Musik. Ich saß am Freitag bei »Schlager der Woche« mit dem Kassettenrekorder vor dem Radio und hoffte, dass der Moderator beim Ende des Titels nicht reinredet. Zur Musik bin ich gekommen, weil ich Akkordeon lernen musste. Das war für mich ein Graus! Im Internat habe ich dann erstmals die E-Gitarre gehört. Den Klang kannte ich nicht. Ich – als Fünftklässler – ging dem nach und im Keller übte ein Zehntklässler. Ich habe dann den ganzen Samstag dort verbracht. In dem Moment wusste ich: Das ist meins.

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