Theinerts Thema: Sind Wettbewerbe sinnvoll?

Diskussionen um die Bewertung von Musik sind so alt wie die Musik selbst. Wir diskutieren das Thema mit Markus Theinert.

Herr Theinert, unser Thema sind Wettbewerbe. Die große Frage gleich am Anfang: Ist Musik mit Parametern bewertbar? Die meisten Wettbewerbe berufen sich ja auf die üblichen zehn Parameter: ob das Metrum eingehalten wurde, wie es um Intonation und Stilsicherheit bestellt war und dergleichen mehr. Aber reichen diese Parameter wirklich aus, um Musik zu bewerten?

Nein, absolut nicht, denn das Eigentliche fehlt bei dieser Bewertung, und das ist die musikalische Aussage, die der Komposition zugrunde liegt. Durch objektivierbare Parameter ist keine musikalische Beurteilung möglich, sondern es wird lediglich das bewertet, was beim jeweiligen Hörer oder bei der Jury angekommen ist.

Wenn wir uns also auf die technische Darstellung beschränken, auf die Intonation, auf den Rhythmus, das Zusammenspiel, die Balance und so weiter, dann lassen sich da sicherlich Unterschiede zwischen den Aufführungen feststellen.

Aber wenn es uns wirklich um den musikalischen Gehalt geht – um die musikalische Wahrheit, wenn Sie so wollen –, dann gehen die Meinungen doch diametral auseinander, auch innerhalb einer sogenannten »Fachjury«. Insofern bleiben die Kriterien einer Bewertung doch immer auf die Parameter begrenzt, die wir so im Allgemeinen als objektivierbar festlegen: Hier hatten wir einen reinen Klang, da war das Spiel unsauber, hier ist es zusammen gewesen, dort auseinandergefallen.

Und im Grunde genommen bleiben dann, wie auch beim Sport, nur messbare Parameter übrig. Das, was aber gar nicht vergleichbar ist, weil es eben nur im Moment entsteht, das musikalische Erleben, das lässt sich mit Kriterien, Punkten oder Noten nicht bewerten.

Wäre eine Möglichkeit der objektiveren Bewertung, das Publikum in die Wertung einzubeziehen?

Beim Publikum bestehen dieselben Schwierigkeiten wie auf der Seite der Jury. Ein paar hundert Leute sind doch nicht unbedingt näher an der Wahrheit dran als fünf, zehn oder auch nur zwei Juroren. Denn es geht hier nicht darum, was uns besser gefallen hat. Vielmehr ist bei der Beurteilung einer Konzertaufführung oder einer Komposition entscheidend, ob wir begriffen haben, was der Komponist uns sagen wollte.

Das heißt: Haben wir wirklich den Weg beschritten, welcher bei der Schöpfung dieser Komposition als Inspiration gedient hat? Und hierfür ist es unbedingt erforderlich, dass wir die Partitur genau kennen und mit den Voraussetzungen, die der Komponist geschaffen hat, bestens vertraut sind.

Das Publikum hat sich aber in den allerwenigsten Fällen mit der Partitur beschäftigt, und leider studieren auch nur wenige Juroren im Vorfeld eines Wettbewerbs intensiv die Werke, die zur Aufführung kommen.

Der spontane Eindruck »hier war es schön, hier war es nicht so gut«, zählt nicht wirklich, sondern vielmehr: Was hat der Dirigent, das Orchester oder auch ein Instrumentalsolist aus dem Stück gemacht? Wie hat er seinen persönlichen Zugang zum Konzept und zur musikalischen Struktur gefunden, die auch den Komponisten bewegt hat?

Insofern glaube ich, dass die Publikumsmeinung dann Hilfestellung leisten kann, wenn sich die Juroren mal komplett verrannt haben. Aber dies ist sicherlich nicht die ideale Art und Weise, musikalische Wahrheit zu beurteilen. Denn wir wissen ja gar nicht, was »Musik« in dem Sinne überhaupt ist. Sie lässt sich nicht definieren. Daher können wir auch keine Parameter festlegen, die auf die Musikalität der aufführenden Musiker schließen lassen.

Das Schwerpunktthema »Wettbewerbe in der Musik« besteht aus vier Artikeln mit insgesamt 14 Seiten:

  • 09.11.2018
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 11/2018
  • Seite 30-33

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