Theinerts Thema: Mehr Kreativität beim Instrumentenbau!

Wenn in Frankfurt wieder Musikmesse ist, stellen zahlreiche Instrumentenbauer ihre Neuerungen und Neuheiten vor. Doch wie neu ist das alles? Und ist ein Instrument nicht irgendwann »ausentwickelt«? Markus Theinert meint: Jein.

Der Deutsche Musikinstrumentenpreis wird jährlich während der Musikmesse in Frankfurt am Main verliehen, in diesem Jahr in der Kategorie »B-Flügelhorn mit Zylinderventil«. Wird es eigentlich von Jahr zu Jahr schwieriger, diese Auszeichnung zu vergeben?

Ich glaube, da hat die Jury tatsächlich keine leichte Aufgabe. Zumindest wenn es um klassische Orchesterinstrumente geht, sind diese vom Design her weitgehend ausgereift. Natürlich können vom technischen und manuellen Herstellungsprozess her Innovationen immer wieder angebracht sein. Aber ich denke, es geht bei dem Preis nicht nur um die professionelle Brauchbarkeit der Instrumente, sondern eben auch um die Verarbeitung und die Fertigungsqualität.

Der Wettbewerb ist auf jeden Fall weiterhin sinnvoll und motivierend. Die Hersteller halten sich damit auch gegenseitig auf dem Laufenden und können dem Musiker so das bestmögliche Produkt zur Verfügung stellen. Ob es sich dann dabei um ein revolutionäres Flügelhorn oder ein eher traditionell gefertigtes handeln wird – das ist sicher auch nicht die primäre Intention der Preisgeber. Dem Handwerk – ob es industriell fertigt oder in einer kleinen Werkstatt – wird eine Chance geboten, Exzellenz in jeder Richtung unter Beweis zu stellen.

Eine tiefgreifende Weiterentwicklung hat akustisch und klanglich gesehen aber auch ihre Grenzen. Es hat sich da ja bereits viel getan. Vor 700 Jahren etwa noch hat man ein gerades Bronzerohr als Trompete oder Busine bezeichnet, hat es vor drei Jahrhunderten aufgerollt, weil man festgestellt hat, dass es so viel leichter zu spielen ist. Dann kamen die Tonlöcher, Klappen und schließlich die Ventile dazu – aber letztendlich ist die Bauart heutzutage ziemlich ausgereift. Im Detail kann man für spezielle Bedürfnisse sicherlich immer noch herumbasteln und Dinge verändern.

Genau das war der Hintergrund meiner Frage: Müssten Musikinstrumente nicht irgendwann »ausentwickelt« sein?

Nicht unbedingt. Durch die Serienherstellung, die aufgrund des großen weltweiten Bedarfs erforderlich wurde, hat sich vieles auch verflacht, etwa was das Material angeht oder die Herstellungsschritte. Beim Bemühen um die letzte Raffinesse im Klanglichen haben nicht alle Hersteller Schritt gehalten. Da ist noch viel zu tun.

Aber ja, die Form, das Design der klassischen Instrumente selbst ist an einem Punkt angelangt, wo es immer schwerer wird, noch revolutionäre Neuentdeckungen zu machen. Und wenn wir uns anschauen, was ein Instrument heute leisten muss – eine B-Klarinette wird nicht nur in B-Dur gespielt, sondern in allen möglichen Tonarten –, so musste das ursprüngliche Tonlochsystem auch dementsprechend angepasst werden.

»Neuerfindungen« von Instrumenten – wie etwa das Saxofon vor etwas über 150 Jahren – sind nicht zu erwarten, oder? Oder würden Sie das nicht ausschließen?

Absolut nicht. Ich würde es im Gegenteil sogar begrüßen, wenn Instrumentenbauer wieder kreativer würden. Einige wenige sind es ja auch und versuchen immer wieder, neue Instrumente vorzustellen. Diese sind oft eine Symbiose aus bestehenden Instrumenten und vereinen die Klangeigenschaften des einen Instruments mit der Spieltechnik des anderen.

Die Frage ist hier natürlich, wie solche Entwicklungen von Musikern und Komponisten aufgenommen werden. Gibt es eine nachhaltige Berücksichtigung im Konzertrepertoire? Viele Hersteller haben wieder aufgegeben, weil man ihnen keine Chance gab. Es gehört eben beides dazu: Erfindergeist auf Seiten der Instrumentenbauer und natürlich die Neugierde und Experimentierfreude auf Seiten der Komponisten. Damals haben es George Bizet und später Maurice Ravel ja auch geschafft, das Saxofon als klassisches Instrument zu etablieren.

Bedenken gegen neue Instrumente hätte ich heute keine. Im Gegenteil: Ich würde sie persönlich sehr begrüßen, glaube allerdings auch, dass wir mit unserem bestehenden Instrumentarium bereits eine schier unendliche Vielfalt an Kombinations- und Klangmöglichkeiten besitzen.

Eine Neuentwicklung auf diesem Gebiet würde also nicht notwendigerweise unsere instrumentatorischen Möglichkeiten noch beträchtlich erweitern. Wir können also nur hoffen, dass sich Instrumentenbauer auch heute noch trauen, auch mal abenteuerlich anmutende Konstruktionen vorzustellen.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Die Hardware: Sind die Instrumente ausentwickelt?":

  • 28.03.2017
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 4/2017
  • Seite 35-37

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