Theinerts Thema: Kulturgut Blasmusik

Die Blasmusik ist vor allem im deutschsprachigen Raum ein Bestandteil der öffentlichen Kultur und deshalb auch völlig zurecht im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der deutschen UNESCO-Kommission. Vor allem auch, weil »Kultur eben gerade nicht etwas Statisches oder Konserviertes ist. Kultur ist immer lebendig«, findet Markus Theinert. Wir haben uns lange mit ihm unterhalten.

Herr Theinert, Kultur ist nach der Definition im weiteren Sinne alles, was von Menschen geschaffen ist – im Gegensatz zur Natur, auf deren Existenz der Mensch keinen Einfluss hat. Kann man die Blasmusik in diesen Zusammenhang bringen?

Wie in allen Bereichen der Musik wird der Weg vom Klang zur Musik nur durch das Schöpferische im Menschen möglich gemacht. Wenn wir uns also von den rein physikalischen Schwingungen her in die Affektenwelt der Musikwahrnehmung hineinbewegen, dann ist der Mensch immer auch als Schaffender dabei. Das erstreckt sich natürlich auf alle Genres des Musikschaffens, also nicht nur auf die Blasmusik, sondern auch auf alle anderen Klangkörper, die ohne das menschliche Zutun nicht zu dem geworden wären, was sie heute sind.

Wir bedienen uns dabei allerdings der komplexen Natur des Klangs – und hierbei gibt es eine häufige Verwechslung: Viele glauben, dass die Harmonik, die melodischen Kräfte, die Rhythmik und alle anderen Parameter der musikalischen Entwicklung vom Menschen selbst erschaffen wurden. In Wirklichkeit sind sie alle bereits in der Struktur des natürlichen Klangs enthalten! Demgegenüber steht natürlich die Evolution von Instrumentenkonstruktionen und Erfindungen, die in der jeweiligen Kultur durch innovative und schöpferische Individuen gewachsen ist.

Die Blasmusik hat dennoch eine gewisse Sonderstellung insofern, als das sehr wahrscheinlich älteste Instrument, das archäologische Ausgrabungen zutage gefördert haben, ein Blasinstrument war: Ein angebohrter Vogelknochen aus dem Donautal ist, soweit wir wissen, das älteste Musikinstrument überhaupt. Es ist unglaublich aufregend, wenn man sich vorstellt, wie ein Hirte oder Jäger vor 40 000 Jahren entdeckt hat, dass eine stabile Schwingung herauskommt, wenn man in einen hohlen Knochen oder in den Stoßzahn eines Mammuts hineinbläst.

Mit dieser Entdeckung ging dann die Faszination zum Klang, diese Magie, die der Klang auf uns ausübt, einher. Dann beginnen natürlich die Fragen: Wie mache ich das überhaupt? Was mache ich daraus? Wie kann ich die Tonhöhe verändern? Wenn man da ein Loch hineinbohrt und das mit dem Finger zuhält, und den Finger dann wieder wegnimmt, dann entsteht ein Intervall und so weiter und so fort. Der Rest ist Geschichte.

Es besteht über die Jahrhunderte der Musikgeschichte hinweg auch eine durchgängige Verbindung von der Antike über das Mittelalter, die Renaissance und die Barockzeit bis heute: Blasinstrumente haben immer eine herausragende Rolle in der Instrumentenentwicklung gespielt. Nicht zuletzt deswegen, weil sie schon sehr früh für die archaischen Militärmusiken Verwendung fanden, ob dies nun die römischen Legionen waren, die sich der Krummhörner bedienten, oder andere Streitmächte in Europa und Asien. Auch in der sakralen Tradition Venedigs haben hauptsächlich Kornette und Zinke die Kirchenmusik bestimmt. Ich glaube demnach schon, dass Blasmusik hier eine ganz zentrale Rolle spielt.

Aber zurück zu meiner Eingangsbemerkung: Für jede Instrumentalgattung und Ensembleform gilt der gleiche Grundsatz: Es waren Menschen, die diese Instrumente entwickelt und gebaut haben, und es waren Menschen, die sich mit der Natur des Klangs beschäftigt haben, um eben zu einer solchen Ausdrucksform wie dem Blasorchester, dem Streichorchester oder dem Chor zu kommen.

  • 12.07.2018
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 7-8/2018
  • Seite 34-37

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