Theinerts Thema: Kirche ohne Musik? Unvorstellbar!

  • 31.10.2017
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 11/2017
  • Seite 27-29

Kirche ohne Musik? Musik ohne Glauben? Ist Musik Religion? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich Markus Theinert im aktuellen Beitrag. Er spricht über Martin Luther, Johann Sebastian Bach, die Bibel und die Verantwortung von Dirigenten in der Programmplanung bei Kirchenkonzerten.

Herr Theinert, ist Kirche ohne Musik überhaupt denkbar?

Ich glaube, wenn ich Gottes Willen richtig verstehe, dann nicht. Denn er hätte uns den Klang bestimmt nicht als Geschenk überlassen, wenn er nicht beabsichtigt hätte, dass der Mensch damit etwas Sinnvolles anfängt. Insofern gehe ich davon aus, dass Kirche und Gemeinde vom musikalischen Lobpreis unseres Schöpfers nicht zu trennen sind.

Sicherlich spielt hier die Gemeinschaft als solche eine große Rolle. Der Mensch hat schon früh mit dem Singen begonnen, und die Vokalmusik hat ja nicht nur in der Kirche eine lange Tradition, sondern sie hat den Menschen auch in allen anderen Bereichen seines Daseins erfasst – bis in die heutige Zeit hinein. Aber ich glaube, Kirche kann man sich ohne Musik nicht vorstellen. Das wäre für mich persönlich jedenfalls eine große Leere.

Anders herum und aus der Musikgeschichte heraus gefragt: Ist Musik ohne Glauben und Kirche überhaupt denkbar?

Wahrscheinlich genauso wenig. Wenn wir uns mit der musikalischen Tradition unserer abendländischen Kultur auseinandersetzen, dann ist es sicherlich so, dass die großen Komponisten, die wir alle schätzen und lieben, natürlicherweise eine ganz enge Beziehung zur Kirche besaßen.

Das hing vielleicht zum Teil damit zusammen, dass die Kirche schlichtweg als Arbeitgeber vieler Musiker fungierte. In vielen Fällen aber – und ich nenne hier natürlich das großartige Beispiel Johann Sebastian Bachs – ist das Musizieren einfach mit einem ganz tief empfundenen Glauben einhergegangen, der den schöpferischen Menschen in diesem Falle auch bei der täglichen Arbeit inspiriert und motiviert hat.

Die Schlussklausel »SDG – Soli Deo Gloria« (übersetzt etwa »Gott allein die Ehre«), die Bach an das Ende seiner Partituren gesetzt hat, zeigt ja, dass es ihm tatsächlich ernst damit war, sich mit jedem neuen Werk an den lieben Gott direkt zu wenden, und Text und Töne nicht nur zur Ergötzung der Menschen in Szene zu setzen. Insofern glaube ich, dass zumindest für Bach in seinem Verständnis Musik ohne Glauben undenkbar gewesen wäre.

Diese tiefe religiöse Verbundenheit ist heute sicher für viele verlorengegangen, die den Zusammenhang nicht mehr begreifen bzw. persönlich erleben können. Aber die Beständigkeit und die innewohnende Vollkommenheit im Klang selbst ist – jedenfalls für mich – ein Stück Himmel auf Erden, mit dem wir entweder etwas Sinnvolles anfangen können oder ihn den Ignoranten der Welt überlassen.

Was jemand mit seinem Instrument oder seiner Stimme macht, ist seine Sache. Aber der Klang ist bestimmt ein Geschenk Gottes, das uns zur Verfügung gestellt wurde, damit wir der Vollendung schon auf Erden ein Stückchen näher kommen können. Wenn man etwas tiefer in die Vita großartiger Musiker einsteigt, entdeckt man doch bei einigen, dass auch für sie die Musik ohne Glauben kaum vorstellbar war.

Welchen Einfluss hatte die Kirche als Institution und Arbeitgeber auf die Musik und natürlich vor allem auf die geblasene Musik?

Man muss einen deutlichen Unterschied machen zwischen dem, was Kirche als Glaubensgemeinschaft bedeutet, und dem, was die Kirche als Institution angeht. Denn es hat sich doch gezeigt, dass sich die Obrigkeit der Kirche zum Teil weit von den Lehren der Bibel entfernt und eigenmächtig Reglementierungen und Beschränkungen geschaffen hat – auch für die Komponisten und die ausführenden Musiker im kirchlichen Bereich –, die sich nicht unbedingt aus dem Glauben heraus rechtfertigen lassen.

Eines der Resultate dieser Willkür war anfangs sicher auch, dass die Instrumentalmusik als profan und unangemessen eingestuft wurde. In den Zeiten der frühen Renaissance haben sich die kirchlichen Institutionen schwer getan, die Bläsermusik und die instrumentale Musik ganz allgemein in der Liturgie überhaupt zuzulassen.

Vor allem in Venedig hat sich dann allerdings sehr schnell durchgesetzt, dass die Blasinstrumente zumindest als Verdopplung und Verstärkung der Vokalstimmen eingesetzt wurden. So konnte sich dann allmählich auch die reine Instrumentalmusik im Kirchenraum etablieren. Das hat aber gedauert und die Kirche hat sich hier lange quergestellt.

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