Theinerts Thema: Interdisziplinäre Verknüpfung

Markus Theinert (Foto: Mannheimer Bläserphilharmonie)

»Unter Interdisziplinarität versteht man die Nutzung von Ansätzen, Denkweisen oder zumindest Methoden verschiedener Fachrichtungen«, weiß das Lexikon. Kann das auch im Bereich der Musik weiterhelfen? Wir fragen Markus Theinert.

Herr Theinert – unser Thema heute lautet Interdisziplinarität bzw. interdisziplinäre Verknüpfung. Was verstehen Sie spontan darunter?

Der Begriff erklärt ja eigentlich alles, was man darüber wissen muss: Es handelt sich um eine Zusammenführung mehrerer Disziplinen. Eine Frage stellt sich natürlich: Was ist Disziplin und wie kommt es, dass wir verschiedene Disziplinen miteinander verknüpfen müssen? Die Antwort ist teilweise in der Säkularisierung der universitären Ausbildung zu finden. Damals hat man damit begonnen, die Generalausbildung – auch innerhalb der Wissenschaften – in verschiedene Fachgebiete aufzuteilen. Das führte bis in die heutige Zeit hinein zu immer weiteren Spezialisierungen. 

Im Grunde genommen legen wir mit der Interdisziplinarität wieder einen Rückwärtsgang ein, um Überschneidungen zwischen den einzelnen Fachgebieten wiederzuentdecken. Vor ein paar Jahrhunderten waren diese noch natürlich vorhanden – weil man sie eben gar nicht in dem Maße getrennt hatte. Nach der systematischen Aufteilung in Fachbereiche, die beispielsweise in Form der Physik, Biologie oder Chemie und dann auch innerhalb dieser drei Gebiete wiederum ihre eigenen Unterdisziplinen entwickelt haben, verspürt man nun heute wieder das Bedürfnis, ganzheitliche Betrachtungsweisen herzustellen. 

Insofern glaube ich, dass die Interdisziplinarität im Grunde einen längst überfälligen Schritt vornimmt. Unsere Forscher in den einzelnen Fachgebieten waren einfach zu sehr auf ein begrenztes Feld konzentriert.

Vereinfacht gesagt: Man redet wieder mehr miteinander...?

Es ist nicht nur wichtig, dass man mehr miteinander redet, sondern zunehmend auch, dass man über den eigenen Tellerrand hinausschaut und dadurch eine Bereicherung der eigenen Arbeit erfährt. Wer sich von anderen Spezialgebieten inspirieren lässt, der erhält überhaupt erst Kenntnis von Zusammenhängen, die im eigenen Fach über Jahrzehnte – vielleicht sogar Jahrhunderte – verlorengegangen sind. 

In der Medizin kennen wir das ja auch: Die medizinische Forschung hat von einer ganzheitlichen Annäherung an den Menschen als gesundes und ausgewogenes Wesen herkommend – übrigens in der Antike auch immer mit Blick auf die Psyche und seelische Gesundheit – einen Weg eingeschlagen, auf dem man sich immer mehr in Fachdisziplinen verloren hat. Ab einem gewissen Punkt dieser Entwicklung kann der einzelne Spezialist – sei es nun ein Urologe oder ein Gehirnchirurg – das Wissen von den anderen Disziplinen in seiner Diagnostik gar nicht mehr anwenden. Gerade in der Medizin aber ist wieder ein Trend zur ganzheitlichen Medizin bemerkbar.

  • 11.06.2019
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 3/2019
  • Seite 28-30

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