Theinerts Thema: Gemeinsame Beschäftigung mit Musik

  • 21.12.2016
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 1/2017
  • Seite 27-29

Eine gewisse Distanziertheit dürfte bei jeder Integration vorhanden sein. Diese muss der Einzelne überwinden. »Aber das gilt für beide Seiten«, findet Markus Theinert. Und am Ende profitieren alle von der Bereicherung, weil Integration eben keine Einbahnstraße ist.

Kürzlich waren die Präsidentschafts­wahlen in den USA und wir haben erlebt, wie gespalten die Gesellschaft teilweise zu sein scheint. Da scheinen Gruppen nur sehr schwer an einen Tisch zu bringen zu sein. Deshalb die Frage: Hat Musik integrativen Charakter? Könnte Musik ein Weg sein, zumindest mal miteinander zu sprechen?

Absolut! Ich bin davon überzeugt, dass Musik vielleicht eine der wenigen Inseln der Glückseligkeit sein kann, weil sie eben frei ist von Politisierung oder auch von anderen Inhalten, die zu Diskussionen und Auseinandersetzung führen. Die Wertfreiheit der Musik ermöglicht es, dass sie im Grunde alle Menschen zusammenbringen kann.

Das hat mit dem universalen Charakter des Klangs zu tun, der nun einmal aus Naturgesetzen geboren ist, die für uns alle gelten. Vom Klang werden wir in derselben Art und Weise angesprochen – egal aus welcher Orientierung wir kommen, aus welchem Land, aus welcher politischen Überzeugung oder auch aus welchem musikalischen Genre.

Wenn wir vielleicht einmal die politischen Liedermacher ausnehmen, die aber dann vor allem mit den Texten ihre Botschaft vermitteln, so ist die Musik selbst absolut und vollständig wertfrei. Damit ist sie natürlich ideal dafür geeignet, Menschen zusammenzubringen.

Musik ist wertfrei. Dann ist Musik per se auch unpolitisch, richtig?

Das kann ich unterstreichen, denn wenn sie politisiert wird, passiert das durch den Menschen oder denjenigen, der mit subjektiven thematischen Überschriften ein Werk gebraucht – manchmal eben auch missbraucht.

Ein großer Vorreiter des Politisierens war Ludwig van Beethoven, der in seiner Zeit ganz bewusst seine Sinfonien und Sonaten in einen sozialpolitischen Kontext gestellt hat. Über die Überschrift oder die Widmung hat er ganz bestimmte politische Inhalte angesprochen.

Dennoch zeigt es sich, dass so etwas auch schnell wieder rückgängig gemacht werden kann, ohne dass die musikalische Struktur selbst verändert werden muss. Im Fall der »3. Sinfonie in Es-Dur« hat er seine Widmung an Napoleon sofort wieder herausgenommen, nachdem er gehört hatte, dass sich sein »Volksheld« zum Kaiser hat krönen lassen.

Ohne dass die »Eroica« umkomponiert wurde, war der politische Inhalt nicht mehr derselbe. Die Sinfonie huldigte nun der Freiheit und nicht mehr Napoleon. Das zeigt, dass die Musik selbst mit der Aussage gar nichts zu tun hat. In dem Fall trägt der Komponist lediglich mit dem Titel dazu bei, dass ein Stück in die eine oder andere Richtung verstanden oder interpretiert wird.

Es gibt das berühmte Zitat von Johann Gottfried Seume: »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.« Steht die Musik also eher für ein Miteinander als für ein Gegeneinander?

Für die Musik ist das Miteinander die »conditio sine qua non«, also unbedingte Voraussetzung. Wir können nicht miteinander musizieren, ohne uns als Menschen aufeinander einzulassen, ohne uns einander zuzuhören, ohne miteinander an derselben Struktur zu arbeiten. Wir müssen das Tau in die gleiche Richtung ziehen.

Denn auch wenn das Wort »concerto« vom Wettstreit stammt, ist es immer eine aufeinander bezogene Gegensätzlichkeit der thematisch-melodischen und harmonischen Kontraste. Aber das, was dort entsteht, ist immer ein Miteinander.

Die Aussage, dass überall dort, wo musiziert wird, immer Frieden herrscht, trifft leider nicht immer zu – auch wenn der Konzertbesucher das gerne annehmen möchte. Nicht alle, die dort zusammen musizieren, sind auch die besten Freunde. Und ich würde mir manchmal wünschen, dass das, was wir musikalisch miteinander tun, auch substanzielle Auswirkungen auf das menschliche Miteinander jenseits der Konzertbühne und des Probenraums haben würde.

Allerdings habe ich meine Zweifel, ob die Beschäftigung mit der Musik immer stark genug ist, um die Menschen von ihrer Negativität und ­ihrer skeptischen Grundeinstellung dem Andersartigen gegenüber abzubringen.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Integration - Was kann Musik leisten?":

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