Theinerts Thema: Freiluftmusik

Markus Theinert (Foto: Mannheimer Bläserphilharmonie)

Open-Air-Konzerte sind unglaublich beliebt beim Publikum. Die Atmosphäre ist locker, die Stimmung gut. Musiker und vor allem Dirigenten sehen das bisweilen mit gemischten Gefühlen. Warum? Markus Theinert klärt uns auf.

Herr Theinert, musizieren Dirigenten eigentlich gerne draußen oder bevorzugen sie die relative Sicherheit von vier Wänden?

Ich kann nicht für die Dirigenten in der ganzen Welt sprechen, aber persönlich habe ich natürlich eine ganz bestimmte Wahrnehmung für diese Situation. Die Akustik unter freiem Himmel ist in der Regel nicht dazu geeignet, das Orchester als Klangkörper zusammenzuhalten bzw. zusammenzubringen. 

Das hat nicht nur mit den Reflexionen und Resonanzen eines geschlossenen Raumes zu tun, sondern auch mit den Nebengeräuschen, die im Freien fast unvermeidlich sind. Von musikalischer Seite ist das nicht nur einfach eine Herausforderung, sondern ein großes Problem: Im Freien besteht kaum die Möglichkeit der musikalischen Gestaltung. Man kann das Orchester lediglich metrisch zusammenhalten. 

Es gibt sicherlich Ausnahmen, wenn man etwa nicht vollkommen im Freien musiziert, sondern eine Konzertmuschel oder ein Pavillon zur Verfügung steht, damit zumindest für das Orchester akustische Rahmenbedingungen geschaffen werden können, die denen eines Konzertsaals ähnlich sind. Auch in Burgruinen kann musiziert werden, wenn zumindest noch die Mauer steht.

Wenn man also draußen musiziert, muss man sich noch mehr auf die Umgebung einstellen, als das in einem Konzertsaal der Fall wäre?

Auf die Umgebung muss ich mich immer einstellen, auch im Konzertsaal. Die Situation ist jedes Mal einzigartig. Ich würde also nicht sagen, dass man sich draußen mehr bemühen muss. Es fehlen einfach nur die Grundbedingungen, unter denen Musik überhaupt möglich wird. 

Um mit einem Klangkörper musizieren zu können, muss auch der individuelle Orchestermusiker vom Gesamtklang etwas haben. Er muss, selbst wenn er auf der diametral gegenüberliegenden Seite des Klangkörpers sitzt, die Möglichkeit haben, von den anderen Registern das mitzubekommen, was für die Gestaltung der eigenen Stimme und die Klanggebung notwendig ist. 

Das aber geht nur über Reflexion und Zusammenklang und braucht daher einen geschlossenen Raum. Im Freien aber verfliegt der Klang quasi in der Luft und wir haben – außer in unserer direkten Umgebung – kaum etwas vom Rest des Orchesters. 

Wenn wir uns also die Extremsituation anschauen, in der das Orchester wirklich unter freiem Himmel musiziert und keinerlei architektonische Grenzen vorhanden sind, dann ist das Zusammenspiel im musikalischen Sinne nicht mehr möglich. 

Wir können uns zwar alle auf den Dirigenten einstellen, der den Takt schlägt, und uns auf das metrische Zusammenspiel konzentrieren. Aber was die Gestaltung und die Priorität der einzelnen Stimmen angeht, gibt es gar keine Möglichkeit, darauf noch zu reagieren. Musik im echten Sinne wird nicht entstehen.

  • 03.07.2019
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 7-8/2019
  • Seite 26-28

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