Theinerts Thema: Dirigentenwettbewerb

Markus Theinert. Foto: Mannheimer Bläserphilharmonie

Wie bewertet man eigentlich die Dirigenten? Welche Kriterien spielen da eine Rolle? Die Musik machen doch die Musiker, oder? Wir haben bei Markus Theinert mal nachgefragt.

In jüngster Zeit werden vermehrt Dirigentenwettbewerbe ausgerichtet. Über Wettbewerbe haben wir ja schon ge­sprochen, und Musik ist nichts, was man wirklich objektiv bewerten könnte. Aber wie ist es mit Dirigentenleistungen? Wie kann man Dirigenten bewerten?

Sinn und Unsinn von Dirigentenwettbewerben sind ganz von der Kompetenz der Jury abhängig. Wenn Juroren am Werk sind, die selbst nicht verstanden haben, wie sich Geste und Klang direkt entsprechen, oder wie sich eigene Klangvorstellungen im Arm artikuliert auf das Orchester übertragen können, dann sind solche Wettbewerbe kaum sinnvoll.

Juroren, die das selbst assimiliert haben, können natürlich beobachten und auch beurteilen, inwieweit ein Wettbewerbsteilnehmer Proportionen und Dimensionen im Schlag dazu benutzt, die musikalischen Strukturen mit Leben zu füllen, ohne dafür auf verbale Mittel zurückgreifen zu müssen, denn lediglich das bleibt im Konzert als eindeutige Kommunikationsmöglichkeit übrig: die Geste der Arme.

Wie beim Instrumentalwettbewerb sind zwei Kriterien entscheidend. Das eine ist die Technik: Wie macht der Kandidat seine Arbeit? Hat er das gut gelernt? Kann er seine Vorstellung mittels des Körpers auf das Orchester übertragen? Und das andere: Sind die musikalischen Ideen überhaupt übertragbar? Sind sie stichhaltig im Sinne eines musikalischen Zusammenhangs, einer musikalischen Phrase?

Hier geht es dann auch um das Gehör des Dirigenten, das noch wichtiger ist als die Geste. Wie weit lässt er sich auf das Orchester ein? Was hört er? Was korrigiert er? Einen Dirigenten in einer Probe zu beobachten, wäre eigentlich Voraussetzung, denn man kann nicht allein von seinen Reaktionen beim Durchspielen eines Stücks darauf schließen, ob er tatsächlich auf Details achtet oder nicht.

Und eine Tatsache steht einer solchen Beurteilung immer im Wege: Die Juroren befinden sich an einem anderen Ort im Saal als der Dirigent selbst. Da bestehen enorme Unterschiede in Bezug auf die Akustik des Raums und die Transparenz und Tiefe im Klang. Und dann werden wir oftmals in die Irre geleitet, weil wir anders hören als der Dirigent.

Dann fragt man sich: »Warum tut er hier nichts, wenn die Posaunen zu stark sind?« Oder: »Warum achtet er nicht auf einheitliche Artikulation?« Die Antwort ist oft einfacher als erwartet: Weil das Posaunenregister oder die Artikulation bei ihm ganz anders ankommt. Eine Vergleichbarkeit der verschiedenen Standorte im Saal ist in einem solchen Wettbewerb kaum möglich. Und das erschwert eine Beurteilung enorm.

Sie haben gesagt, es wäre im Grunde genommen viel besser, den Dirigenten in einer Probe zu beobachten und zu bewerten. Die Auswahl der Kandidaten wird häufig per Video getroffen, bei den jüngsten Dirigentenwettbewerben gab es immer eine Runde, in der die Kandidaten proben mussten bzw. durften. Im Finale dürfen die (verbliebenen) Teilnehmer dann einen Teil eines Konzerts dirigieren, dann entscheidet sich, wer gewonnen hat. Sind diese Runden aus Ihrer Sicht gut gewählt? Oder müsste noch viel mehr Wert auf die Probe gelegt werden?

Anhand eines Videos kann man überhaupt nichts beurteilen. Da ist weder der lebendige Klang im Raum vorhanden, noch kann ich dem feinstofflichen Dialog zwischen Dirigent und Orchester folgen: Wie reagiert der Dirigent, warum reagiert er und auf welchen Aspekt der Vielfalt lässt er sich ein? Das lässt sich in einer Aufnahme überhaupt nicht feststellen. Insofern halte ich ein solches Prozedere für die Vorauswahl für absolut ungeeignet.

Alles weitere, also auch ein Konzert oder ein Durchlauf mit einem Werk, würde sehr viel mehr über die Musikalität und den Stand der Vorbereitung eines Kandidaten offenbaren, wenn man ihn bei der Probenarbeit selbst beobachten könnte.

  • 23.08.2019
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 9/2019
  • Seite 32-34

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