Theinerts Thema: Der Rhythmus entscheidet

Seit Markus Theinert in den USA lebt, hat er natürlich gute Einblicke in die dortige Marching-Band-Praxis. Doch er kennt die »Musik in Bewegung« auf beiden Seiten des großen Teichs. Für ihn steht dabei die Musik selbst stets im Vordergrund.

Herr Theinert, woher rührt eigentlich das Bedürfnis, sich zu Musik bewegen zu wollen?

Der Rhythmus in der Musik ist das entscheidende Moment. Die rhythmische Kraft wird im wahrsten Sinne des Wortes »körperlich« empfunden und inspiriert und stimuliert den Menschen schon seit Jahrtausenden, sich dementsprechend zu bewegen. Da werden Urinstinkte im menschlichen Bewusstsein geweckt.

Dies ist aber nicht erst seit den Anfängen der Marschmusik der Fall. Man denke nur an all die überlieferten Tänze der alten Völker, die heute überall da präsent sind, wo Tradition und Folklore noch gepflegt werden. Dabei ging es nie darum, Musik und Bewegung einfach miteinander zu verbinden. Musik ist Bewegung!

Unter dem Aspekt, dass sich das Erleben dieser Kunstform in der Zeit abspielt und der Rhythmus und das Metrum im Klang dabei eine zentrale Rolle einnimmt, ist der Drang nach Bewegung ein ganz natürlicher. Dies führt nicht zwingend dazu, dass man gleich tanzen muss. Wenn eine Jazzband aufspielt und die Fußspitzen der Zuhörer anfangen im Takt zu wippen, dann ist das bereits ein Ergebnis des »Nicht-anders-Könnens«.

Eine ganz besondere Bedeutung gewinnt diese Bewegung in der Militärmusik, wo der Rhythmus der Musik zunächst einfach der Synchronisation diente. Man hat die Trommeln und später auch die Blasinstrumente dafür verwendet, um den Soldaten in großer Zahl zu ermöglichen, sich sicher, zügig und ohne über die eigenen Füße zu stolpern nach vorne zu bewegen. Hinzu tritt später der zeremonielle Aspekt, wo der von Musik begleitete Aufmarsch dann eher repräsentativen Charakter hat.

Ist der Grund, sich mit Blasinstrumenten zu bewegen, auch schlichtweg der, dass man es kann?

Das ist eine gute Frage. Sicher, wenn man einmal gesehen hat, wie ein Kontrabass auf Rollen über den Platz marschiert – was ich auch schon erlebt habe (lacht) –, dann merkt man, dass es von der Spielweise her Grenzen gibt. Auch hohe Streichinstrumente besitzen nicht den Klang, der unter freiem Himmel weit trägt. Blasinstrumente und Trommeln können hingegen große Distanzen überwinden und sind deshalb natürlich für Musik in Bewegung prädestiniert.

Aber grundsätzlich hatten die Militärorchester früher sehr wohl Streicher in ihren Reihen. Der Mensch neigt dazu, sich mit jedem Klanggeschehen identifizieren zu wollen und ein Teil dieser Identifikation erfolgt einfach über den Puls der Musik, der immanent mit unserem eigenen Puls und dem rhythmisch-körperlichen Empfinden verbunden ist.

Das menschliche Bewusstsein sucht ständig nach dieser Verbindung, dieser Identifikation mit dem Klang. Deswegen ist es für den Bewegungsaspekt im Grunde genommen ohne Bedeutung, mit welcher Art von Instrumenten oder mit welcher Form von Musik wir es zu tun haben. Aber es stimmt schon: Wenn es darum geht, dass die Musiker sich selbst bewegen sollen, spielt der Aspekt der Handhabbarkeit der Instrumente sicherlich eine wichtige Rolle.

  • 25.04.2017
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 5/2017
  • Seite 29-31

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