Theinerts Thema: Der musikalische Nachwuchs

Markus Theinert (Foto: Mannheimer Bläserphilharmonie)

Wie ist es um den Nachwuchs bestellt? Das ist eine Diskussion, die jetzt gerade den Deutschen Fußball in Beschlag nimmt. Eine Diskussion, die immer wiederkehrt und auch vor dem musikalischen Nachwuchs nicht Halt macht. Wir haben nachgefragt.

Recherchiert man zum Thema »Musikalischer Nachwuchs«, trifft man bei den Aussagen auf eine recht breite Streuung. Von »Wir müssen uns um den musikalischen Nachwuchs keine Sorgen machen!« bis hin zu »Der musikalische Nachwuchs hatte es noch nie so schwer wie heute« ist alles dabei. Von »himmelhochjauchzend« bis »zu Tode betrübt« sozusagen. Welche Zukunft hat denn der musikalische Nachwuchs?

Jede Generation macht sich doch Sorgen um den Nachwuchs – nicht nur in musikalischer Hinsicht. Da geht es um Generationskonflikte im ganz allgemeinen Sinne. Ein älter werdender Mensch sammelt andere Erfahrungen und stellt immer wieder fest, was für eine große Lücke zwischen dem kindlichen Verständnis der Realität und dem Erwachsensein besteht. Deshalb ist das keine neue Diskussion, die erst im 21. Jahrhundert stattfindet. Die hat es schon immer gegeben.

Ich denke: Der musikalische Nachwuchs hat eine großartige Zukunft. Das liegt schon in der Sache selbst. Wer sich mit Musik beschäftigt, hat bessere Chancen, neue Gelegenheiten, einen größeren Reichtum an Lebenserfahrung. Musik ist eine Bereicherung des täglichen Lebens. Insofern befindet sich unser musikalischer Nachwuchs in einer privilegierten Position.

Die Frage ist aber umgekehrt, ob wir genügend musikalischen Nachwuchs haben und ob wir wirklich alles dafür tun, damit die Kinder und Jugendlichen auch zu diesem Geschenk der Musik finden können. Diese Frage stellt sich schon. Und da muss man sich Sorgen machen. Aber im positiven Sinne!

Wir müssen unsere Kinder und Jugendlichen umsorgen und dafür Sorge tragen, dass diese Möglichkeiten im Dschungel der Freizeitaktivitäten und der schulischen Ausbildung weiterhin Bestand haben und ihnen die notwendige Zeit eingeräumt wird. Denn die Kinder weisen natürlich zunehmend auch Stresssymptome auf, die durch die Verakademisierung der schulischen Ausbildung zum Teil bereits in der Grundschule auftreten.

Alles konzentriert sich auf eine möglichst frühe Karrierewahl und es wird manchmal sogar suggeriert, dass Kinder im Alter von 12 oder 13 Jahren bereits wissen müssen, wo das Leben sie hinführen wird. Das ist natürlich Unsinn und steht einer kreativen Ausbildung entgegen! Denn bei der Kreativität geht es ums Ausprobieren, ums Experimentieren, ums Erfahren – und keineswegs um eine bereits entschiedene Zukunftslaufbahn.

Das betrifft natürlich die Musik genauso. Ich bin vollkommen entsetzt, wenn ich sehe, dass von einem Jugendlichen im frühen Teenageralter bereits eine Vorentscheidung darüber erwartet wird, ob er nun in die Berufsmusik geht oder ob er die Musik nur als Hobby betreiben möchte. Das ist letztlich zu früh – trotz aller Konkurrenz und allem Wettbewerb muss der Jugendliche eine Chance haben, zu erfahren, was das Richtige ist, wo seine Leidenschaften und wo seine Talente liegen.

Die Talentshows im Fernsehprogramm suggerieren zwar, dass man mit Gesangswettbewerben und Popmusik eine fundierte musikalische Ausbildung ersetzen könne. Und das womöglich noch im Do-it-yourself-Verfahren. Aber was wir als klassische – instrumentale sowie vokale – Ausbildung aus unserer eigenen Kindheit kennen, das ist sicherlich schwerer geworden. Die Möglichkeiten sind nicht mehr in gleichem Maße selbstverständlich, wie sie es noch vor 50 Jahren waren.

Besteht eigentlich eine Diskrepanz zwischen der Breiten- und der Spitzenausbildung? Wird da zu wenig differenziert? Wird zu sehr auf die Wunderkinder geschaut?

Absolut. Das fängt schon damit an, dass man den Einzelunterricht durch Gruppenunterricht ersetzt hat. Das Eins-zu-eins-Verhältnis zwischen einem Instrumentallehrer und einem Schüler besteht nur noch im Ausnahmefall.

  • 11.12.2019
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 12/2019
  • Seite 26-28

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