Theinerts Thema: Das hohe Holz

  • 25.03.2018
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 4/2018
  • Seite 28-31

Zwar ist Markus Theinert »gelernter« Tubist – als Dirigent kennt er natürlich auch alle anderen Instrumente. Wir sprachen mit ihm über das »hohe Holz«.

Herr Theinert, welche Rolle spielt eigentlich das hohe Holz im Blasorchester?

Im Blasorchester führt in der Regel das hohe Holz die tragende Melodiestimme aus. Wenn Sie sich ein bisschen am Sinfonieorchester orientieren, dann spielt das hohe Holz sozusagen die »1. Geige«. Denn vieles, was die melodische Gestaltung betrifft, wird meistens auch vom hohen Holz mitgetragen.

Natürlich gibt es auch andere Funktionen. Die Flöten, Oboen und die hohen Klarinetten können durchaus auch eine Oberstimme im Diskant übernehmen, wenn zum Beispiel die Hauptstimme von den Trompeten, Flügelhörnern oder von einer Alt- bzw. Tenorstimme übernommen wird. Aber in 80 bis 90 Prozent aller Fälle ist das hohe Holz doch für die Melodie verantwortlich. Insofern hat es eine tragende und wichtige Rolle im Blasorchester.

Allerdings sollten wir nicht außer Acht lassen, dass dem hohen Holz und speziell den Klarinetten gerade im süddeutschen Sprachraum von den Komponisten aus der Tradition heraus eine andere Rolle »zugeschrieben« wurde. Wenn wir uns zum Beispiel die Partituren eines Sepp Tanzer oder anderer alpenländischer Komponisten ansehen, dann stellen wir fest, dass die Hauptlast der Melodieführung im Flügelhorn und im Tenorhorn liegt.

Die Holzbläser dagegen sind hier eigentlich nur als farbliche Ergänzung dazugeschrieben. Im Grunde sind sie in dieser Blechblasmusik-Tradition also eher eine klangliche Zugabe. In der modernen sinfonischen Blasmusik ist das jedoch gerade umgekehrt.

Man wundert sich dann manchmal, wenn einheimische Orchester, die insgesamt mit 80 oder mehr Spielern sehr großzügig besetzt sind, einen Blechbläseranteil von 60 Prozent und mehr aufweisen. Es wird dann einfach immer schwerer, eine Partitur angemessen umzusetzen, wenn das Holz derartig dünn besetzt ist. Ich glaube, da haben uns die Niederländer und Spanier viel voraus, weil sie schon von ihrer Tradition her das Holz eher im Vordergrund hatten und weil sie vielleicht eben auch ein bisschen sensibler für die fein abgestuften Klangfarben sind.

Heißt das im Umkehrschluss, dass ich also als Dirigent beim Aufbau der Besetzung über die Jahre hinweg auch wissen sollte, welche Art von Literatur ich spielen will? Wenn ich moderne internationale Literatur spielen will, brauche ich mehr Holz, wenn ich »traditionelle« Werke spielen will, brauche ich weniger Holz?

Im Prinzip schon. In jedem Fall sollte ein Blasorchester so besetzt sein, dass man flexibel die eine wie auch die andere Richtung bedienen kann. Wenn ich in der Besetzung »zu viel« habe, kann ich ja etwas wegnehmen und die Besetzung ausdünnen. Aber wenn ich zu wenig habe, kann ich nichts weiter verstärken, ohne die Klanggebung der betroffenen Gruppe zu forcieren.

Gibt es eine Faustregel, in welchem Verhältnis das hohe Holz zum Rest des Orchesters besetzt sein sollte? Oder ist das Verhältnis innerhalb des Holzregisters wichtiger, also dass das tiefe und das hohe Holz ausgeglichen ist?

Grundsätzlich müssen wir davon ausgehen, dass die oberen Stimmen stärker besetzt werden müssen als die unteren. Das hängt damit zusammen, dass die relevanten Obertöne der tiefen Instrumente fast vollständig in unserem Wahrnehmungsbereich angesiedelt sind, der sich ja von etwa 20 Hertz bis ungefähr 25000 Hertz erstreckt.

Bei den hohen Instrumenten sind dieselben Obertöne zwar als physikalische Nebenerscheinungen vorhanden, aber wir hören sie nur zum Teil, weil sie zunehmend aus der oberen Wahrnehmungsgrenze herausfallen. Das heißt, die gesamtklangliche Vielfalt wird schwächer, je höher wir nach oben gehen. Das ist ein grundsätzliches Phänomen, das alle Bereiche des Orchesterklangs betrifft.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Oboe & Co.: Über das hohe Holz":

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