Theinerts Thema: Blasmusik - männlich oder weiblich?

  • 26.04.2018
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 5/2018
  • Seite 34-37

Männlich oder weiblich? Gibt es diese Unterschiede noch? Woran liegt das? Ist das historisch bedingt? Gibt es männliche oder weibliche Instrumente? Und wie ist die Situation bei den Dirigentinnen? Wir haben da mal ein paar Fragen, Herr Theinert.

Herr Theinert, das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein Dauerbrenner in allen Bereichen der Gesellschaft. Wie denkbar wäre beispielsweise eine Frauenquote im Orchester?

Statistisch ist natürlich alles denkbar. Wir können mit Quoten gewisse Trends beschleunigen oder sogar forcieren. Ich glaube aber nicht, dass dies der richtige Weg ist. Sinnvoller wäre eine organische Entwicklung dahin, dass zunächst einmal der Zugang zum Orchester für Vertreter beider Geschlechter absolut offen ist. Denn es gibt historische Hintergründe, die wir bis in die heutige Zeit mit hineinschleppen.

Wenn wir 200 Jahre zurückblicken, war die Orchesterlandschaft männlich dominiert. In einigen großen Orchestern, die ich selber auch erlebt habe, sah das bis in die 1980er Jahre noch sehr unausgewogen aus. Als ich beispielsweise 1984 nach Berlin kam, waren in den Reihen der Philharmoniker gerade mal zwei Damen vertreten: eine zweite Violine und die Harfenistin.

Bei den Wiener Philharmonikern hat es noch etwas länger gedauert. Da war sogar in den Statuten geregelt, dass Frauen keinen Zugang hatten. Das wurde vor gar nicht allzu langer Zeit erst offiziell korrigiert. Also: Hier haben wir eine Menge Gepäck mitgebracht, und die Verfechter von Quotenregelungen sehen hier natürlich insofern berechtigten Handlungsbedarf, weil man annimmt, den Gang der Zeit beschleunigen zu können.

Ich glaube aber, da müssen wir früher ansetzen. Bereits in der Ausbildung sollten wir damit beginnen, die Vorstellungen von typisch männlichen oder typisch weiblichen Instrumenten aufzulösen, um die Kinder davon zu überzeugen, dass momentane Statistiken oder prozentuale Verteilungen nicht unbedingt ein Instrument für ihr jeweiliges Geschlecht disqualifizieren oder besonders geeignet machen. Eine forcierte Quote hilft in den wenigsten Fällen.

Die »Neue Musikzeitung« hat in einer Ausgabe im Jahr 2016 eine interessante Statistik veröffentlicht: Beim Wettbewerb »Jugend musiziert« gibt es insgesamt 50 Prozent weibliche Preisträger und 50 Prozent männliche. Bei den Blasinstrumenten sieht es allerdings anders aus, da liegen die weiblichen Preisträger deutlich unter 50 Prozent…

Das ist ebenfalls historisch bedingt. Wir hatten bei den Blasinstrumenten und hier speziell bei den Blechblasinstrumenten lange Zeit Vorbehalte, dass weibliche Spielerinnen unter Umständen nicht die physische Ausdauer und Kraft besitzen, um zum Beispiel eine Trompete entsprechend beherrschen zu können – was natürlich heutzutage weitgehend widerlegt ist.

Wir können uns genau vom Gegenteil überzeugen, wenn wir an die großartigen Trompeterinnen denken, die als Solisten Weltruhm erreicht haben. Aber in den Köpfen ist das immer noch vorhanden.

Es mag sicherlich auch eine gewisse natürliche Affinität geben, wie zum Beispiel die Neigung der Mädchen zur Flöte, zur Violine oder vielleicht auch zur Oboe hinzutendieren, weil die Stimmlage dieser Instrumente eher dem weiblichen Stimmumfang entspricht.

Die Jungen dagegen tendieren vielleicht eher zum schweren Blech. Auch die Trompete, die in ihrem Gesamt-Stimmumfang deutlich unter der Flöte liegt, oder auch die tiefen Holzblasinstrumente entsprechen eher dem männlichen Stimmumfang, ebenso wie alle Tenorinstrumente, Posaune und die Basstuba. Es gibt also durchaus Präferenzen, die einen natürlichen Hintergrund haben.

Aber auf der anderen Seite ist es eben doch so, wie ich eben erwähnt habe: dass gerade die Jungen sich oftmals scheuen, ein mit weiblicher Dominanz besetztes Instrument zu erlernen wie zum Beispiel Flöte oder Harfe. Was die Letztere anbelangt, so haben wir in Orchestern heutzutage immer noch 95 Prozent Harfenistinnen und die Männer machen nur 5 Prozent der Harfenspieler aus.

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