Theinerts Thema: An die eigene Nase fassen

  • 30.08.2017
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 9/2017
  • Seite 31-33

Dass man jemanden nicht riechen kann oder jemandes Nase nicht mag – das kommt vor. Auch in den besten Orchestern. Auch dann ist der Dirigent gefragt, denn dann geht es um soziale Kompetenz.

Herr Theinert, muss der Dirigent eigentlich neben der musikalischen auch die »soziale« Rolle innehaben?

Je mehr man dem Dirigenten eine gesonderte Rolle unterstellt, desto mehr untermauert man den unnötigen Status quo, nach welchem sich der Dirigent als etwas Besonderes fühlt – was er in der Tat nicht ist. Die Integration des Dirigenten als eine zwar essenzielle, aber doch nur partielle Funktion im Ganzen – das zu akzeptieren macht uns oft Schwierigkeiten. Wir sitzen doch alle in einem Boot!

Also ist der Dirigent der »Primus inter pares«?

Ich würde das nicht einmal so ausdrücken. Der »Primus« passt hier nicht, denn das beinhaltet ja immer eine Führungsrolle unter Gleichgesinnten. Der Dirigent ist eben nicht der Erste im Raum! Im Grunde steht er sogar am Ende des klanglichen Prozesses.

Er ist derjenige, der das, was vom Orchester erzeugt und gestaltet wird, erst im Entstehen wahrnimmt und verarbeitet. Wenn Details nicht ins Gesamtbild und in die Struktur des Stücks passen, wird er versuchen, darauf Einfluss zu nehmen.

Die Rolle des Dirigenten ist vergleichbar mit der des Steuermanns im Ruder-Achter. Der setzt sich körperlich ja überhaupt nicht ein, macht nicht einen Schlag mit dem Ruder. Er ist nur dafür zuständig, das Team anzufeuern und synchron zu halten. Dass ein Steuermann mit den rudernden Athleten auskommen muss, was die soziale Kompetenz angeht, ist ja klar. Wenn sich so ein kräftiger Sportler von einem drahtigen kleinen Kerl »anmachen« lässt, dann muss die Chemie schon stimmen. Ich sehe da durchaus Parallelen zwischen einem Ruderboot und dem Orchester.

Der Dirigent hat also den Überblick, wenn man so will. Deshalb dürfte die soziale Kompetenz schon wichtig sein, oder? Denn der Dirigent ist ja durchaus gefordert, »den Laden« nicht nur musikalisch zusammenzuhalten.

Soziale Kompetenz ist unglaublich wichtig. Unabhängig davon, dass der Dirigent ein völlig gleichwertiger, aber spezifischer Bestandteil des Ganzen ist – wie der 2. Klarinettist oder der 3. Flügelhornspieler eben auch –, ist er natürlich die zentrale Kontaktperson für jeden, der neu ins Orchester kommt, für die Musiker, die Probleme mit einem Kollegen haben, für den Vereinsvorstand, für Journalisten, die etwas über das Orchester erfahren wollen.

Von unseren Konventionen her steht der Dirigent also doch im Mittelpunkt. Dafür benötigt er soziale Kompetenz – die übrigens großartige Musiker nicht immer besitzen…

Und wenn nicht, muss jemand anderes in die Bresche springen? Vorstand? Orchesterdirektor? Intendant?

So lange man dem Dirigenten aufgrund seiner großartigen musikalischen Fähigkeiten die fehlende menschliche Komponente verzeihen kann, wäre das vielleicht sogar eine gangbare Lösung. Wenn man aber mit einem Orchester auf lange Sicht arbeiten möchte und nicht nur einmal kurz als Gastdirigent vorbeischaut, dann wird die soziale Kompetenz immer wichtiger. Dann kann ich die Gruppe gar nicht weiterbringen, ohne dass ich mich mit dem Einzelnen beschäftige.

Das erfordert zwangsläufig das Loslassen vom eigenen Ego: zuhören, auf den anderen zugehen und bei sozialen Spannungen ausgleichend wirken. Ich muss vertrauenswürdiger Ansprechpartner sein. Wenn ich nichts davon weiß, dass es zwischenmenschliche Probleme im Orchester gibt, kann ich nicht auf diese einwirken oder zu deren Lösung beitragen. Wie bringe ich die entfremdeten Musiker dann dazu, miteinander zu musizieren?

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Immer der Nase nach: Welche Rolle spielt das Geruchsorgan?":

« zurück