the coral - wie miles davis, aber eben doch nicht ganz

Dreimal habe er im vorigen Sommer die »Beatles Experience«-Ausstellung in den Liverpooler Docklands besucht, erklärt Gitarrist und Trompeter Bill Ryder-Jones. Dabei klingt seine Band nicht im Geringsten wie die Beatles. »The Coral« schlagen eine Brücke zwischen Captain Beefheart und »Special AKA«, »Granny Takes a Trip« und Tom Waits.

Selten wird ein Album die Hörer mit dem ersten Stück dermaßen lustvoll verwirrt haben, wie es »The Coral« im vergangenen Jahr bei ihrem Debüt »The Coral« taten. »Spanish Main« startet mit einer Gitarrenfanfare im Stil des ersten Pink-Floyd-Albums, rattert alsbald im Rhythmus von Alice Coopers »Halo of Flies« dahin, bringt dann ein Akkordeon ins Spiel und eine Gitarre, die an den Surf-Meister Dick Dale gemahnt; das alles mündet auf halbem Weg in einen Mantra-artig wiederholten Sea-Shanty, bestehend aus der Zeile »We’ll set sail again, we’re heading for the Spanish Main« – und nach knapp zwei Minuten ist der Spuk abrupt vorüber. Allein – damit hört der Schock nicht auf. Es folgt »I Remember When«, wo Sänger James Skelly röhrt wie einst Eric Burdon und die Hammondorgel swingt wie ein Teufelchen. Weiter mit »Shadows Fall« – »Two Tone« gesehen durch die Brille von Julian Cope. Weiter mit »Dreaming of You«, Brit-Pop pur im Sinne der 60er Jahre, samt parpendem Sax-Akzent und subtil-minimalem Gitarrensolo. Und mit »Skeleton Key« bringt das Sextett sogar das Kunststück fertig, der schwierigeren Seite von Captain Beefheart Tribut zu zollen und trotzdem zu tönen, als befinde man sich auf einer Seemanns-Fete.

 

  • 21.09.2011
  • Hanspeter Künzler
  • Ausgabe: 7-8/2003
  • Seite 32-33

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