Substitut-Kompositionen 6 - Die italienische Musik des 19. Jahrhunderts

  • 17.05.2013
  • Praxis
  • Jörg Murschinski
  • Ausgabe: 6/2013
  • Seite 14-16

Was dem Franzosen das Ballett, was dem Deutschen die Sinfonie oder das Streichquartett, das ist dem Italiener die Oper. Kein anderer Nationalstil ist derart von der Oper geprägt wie der italienische. Daher waren die berühmtesten italienischen Komponisten des 19. Jahrhunderts auch fast ausschließlich in jenem Genre tätig. Überdies beeinflusste der Opernstil auch die vergleichsweise wenigen­ italienischen Kompositionen anderer Gattungen.

So bezeichnete Hans von Bülow das Re­quiem von Giuseppe Verdi in einer Zeitungsrezension bekanntlich – und nach­vollziehbarerweise – als »Oper im Kirchengewande«. Doch nicht nur Kompositionen der Kirchenmusik wurden in Italien stark vom Opernstil geprägt. Sein Einfluss reicht noch weiter, sogar bis in höchste nationale Sphären. Denn auch Italiens National­hymne Fratelli d’Italia – eigentlich ein pa­trio­tisches Kampflied der italienischen Einheitsbewegung des 19. Jahrhunderts, des sogenannten »Risorgimento« – trägt unverkennbar opernhafte Züge. Dass diese jedoch bei den allermeisten Darbietungen, etwa bei verschiedenen Sportveranstaltungen, an denen in der Regel Nationalhymnen erklingen, nicht erkennbar sind, hat andere Gründe, die hier aber nicht ­weiter verfolgt werden sollen. Jedenfalls finden sich bei fast allen italienischen Kompositionen des 19. Jahrhunderts Spuren von Opernelementen, auch bei den Werken, die für Banda, also Blasorchester, geschrieben wurden. Unter diesen wiederum ragt ein Werk besonders hervor: die Sinfonische Dichtung Il Giudizio Universale von Camillo de Nardis.

Über das Leben und Werk von Camillo de Nardis (1857 bis 1951) sind nur wenige Details bekannt. Er war anscheinend Dozent an verschiedenen zivilen und militärischen musikalischen Ausbildungsstätten in Neapel und Palermo. Unter anderem beklei­dete er das Amt des Vizedirektors des ­Konservatoriums von Neapel. Überdies veröffentlichte de Nardis ein vierbändiges Lehrwerk zur Harmonielehre. Unter seinen Kompositionen befinden sich einige Opern, von denen manche nie aufgeführt wurden, ein Oratorium sowie verschiedene Instrumentalmusikwerke. Seine oben erwähnte und im Folgenden näher beschriebene Sinfonische Dichtung Il Giudizio Universale (Das Jüngste Gericht) ist seine bekannteste Originalkomposition für Blasorchester.

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