Substitut-Kompositionen 5 - Von der deutschen Romantik geprägt

Dieser Artikel ist einem Komponisten gewidmet, dessen Name heutzutage fast gänzlich von den Konzert­programmen weltweit verschwunden ist. Dies ist umso bedauerlicher, als seine Werke durchaus Gewicht besitzen und den Vergleich mit den heute noch bekannten und beliebten Kompositionen seiner Zeit­genossen nicht zu scheuen brauchen.

Über das Leben von Franz von Blon scheint nur wenig bekannt zu sein. Er wurde am 16. Juli 1861 in Berlin geboren und stu­dierte in seiner Heimatstadt am renommierten Stern’schen Konservatorium, wo unter anderem Hans von Bülow und Engelbert Humperdinck lehrten und dem so berühmte Musikerpersönlichkeiten wie der Pianist Claudio Arrau oder die Dirigenten Bruno Walter, Otto Klemperer oder Carl Schuricht entsprangen. Von Blon war Konzertmeister des Orchesters des Hamburger Stadttheaters, später Dirigent der Berliner Tonkünstler und der Warschauer Phil­harmonie. Er leitete jedoch auch das Philhar­monische Blasorchester Berlin. Am 21. Oktober 1945 starb Franz von Blon in Seilersdorf in Brandenburg.

Schon diese wenigen biografischen Informationen sollten hellhörig machen. Da ist also ein Musiker, der noch in der Blütezeit der deutschen Romantik, zu Lebzeiten Wagners und Brahms’, seine musikalische Ausbildung erhält und wahrscheinlich das gesamte damals gängige Opern- und Orchesterrepertoire als Konzertmeister in Hamburg unter namhaften Dirigenten aufgeführt hat. Mit diesem unermesslichen Erfahrungsschatz beladen, kehrt er zurück nach Berlin, wo er nun selbst als Dirigent wirkt und unter anderem ein Blasorchester leitet. Wenn solch ein Musiker, mit Kenntnis sowohl des großen orchestralen Werkkanons des 19. Jahrhunderts als auch der Funktionsweise eines Blasorchesters, beginnt, für Blasorchester zu komponieren, sollte das Ergebnis – ein gewisses Maß an Kreativität und Talent vorausgesetzt – doch selbst heute noch einen Blick wert sein. Insbesondere dann, wenn, wie in den vorigen Artikeln mehrfach erwähnt, gute romantisch geprägte Blasorchesterwerke aus jener Zeit selten vorzufinden sind. Doch offenbar geriet Franz von Blon, von einigen Märschen abgesehen, in Vergessenheit.

  • 17.04.2013
  • Praxis
  • Jörg Murschinski
  • Ausgabe: 5/2013
  • Seite 14-16

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