Substitut-Kompositionen 2 - Strauss und Cesarini in den Alpen

In der zweiten Folge dieser Artikelreihe soll das Prinzip der Substitut-Komposition und ihre mög­lichen Vorteile gegenüber einer Transkription anhand eines Beispiels erläutert werden. Als Studienobjekte werden hierzu Richard Strauss’ Tondichtung »Eine Alpensinfonie« op. 64 sowie ihr blasmusikalisches ­Pendant »Poema Alpestre« von Franco Cesarini herangezogen.

Unter den »Sinfonischen Dichtungen« von Richard Strauss übt seine letzte, die 1915 uraufgeführte »Alpensinfonie«, wohl die größte Faszination auf Blasmusiker aus. Erstaunlicherweise scheint sie sogar noch höher geschätzt zu werden als ähnlich dimensionierte und musikalisch womöglich gewichtigere Strauss’sche Kompositionen. Die Gründe dafür dürften einerseits in der riesenhaften Bläserbesetzung und der ebenso exponierten wie exzessiven Verwendung der Blasinstrumente liegen. Andererseits ist der Zugang zum Programm des Werks, einer Bergwanderung, vergleichsweise einfach: Man erhält ihn durch die zahlreichen Untertitel in Verbindung mit der sehr plastischen klanglichen Darstellung der einzelnen Etappen. Eine Wiedergabe der »Alpensinfonie« durch ein Blas­orchester in Form einer Transkription – eine Überlegung, die bei der Beliebtheit des Werks ja naheliegend wäre – empfiehlt sich gleichwohl nicht, wären für ein solches Unterfangen doch größte Hindernisse zu überwinden. Da wäre zunächst die Dauer von ca. 45 Minuten, die Interpreten und Publi­kum einiges an Kondition und Konzentration abverlangen würde. Ein weiteres Problem wäre die Orchesterbesetzung. Nicht nur, dass Strauss mit weit über 100 Musikern rechnet, nicht nur, dass Sonderinstrumente wie Harfe (zweifach), Celesta und Orgel zu besetzen wären, nicht nur, dass im Schlagwerk unter anderem Herdenglocken, eine Wind- und eine Donnermaschine gefordert werden, gerade der groß und differenziert besetzte Bläsersatz stellt ungeheure Ansprüche, wenn man die Werktreue auch nur einigermaßen wahren will – sowohl, was die Anzahl der Instrumente als auch deren Art betrifft. Während zwei Pikkoloflöten in einem Blasorchester noch häufig zur Verfügung stünden, würde es bei vierfachen Oboen und Fagotten schon schwieriger, bei 20 Hörnern schier unmöglich, wobei es auch nicht hilft, dass man zwölf davon nur hinter der Szene und während der Jagdszene benötigt. 

  • 21.01.2013
  • Praxis
  • Jörg Murschinski
  • Ausgabe: 2/2013
  • Seite 14-16

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