Spiralförmige Entwicklung - Nik Bärtsch’s Ronin setzt auch auf einen Holzbläser

Vor dem Konzert steht immer wieder die Grundsatzdiskussion: Wird das Konzert bestuhlt oder nicht? Ist die Musik von Ronin Tanzmusik oder eher Zuhör-Musik? Der Kompromiss: eine Teilbestuhlung. Doch man merkt im Konzert vielen Besuchern an: Sitzend ist die Musik von Ronin kaum zu ertragen. Zumindest nicht still sitzend. Denn die Musik ist absolut tanzbar. Die Schweizer Band um den Pianisten Nik Bärtsch ist der Beweis, dass nahezu melodiefreie Musik schön klingen kann. Da kommt der Frontmann minutenlang mit einem Akkord aus. Trotzdem geht das Ganze nach kürzester Zeit ab wie die Feuerwehr.»In unserer Ästhetik versuchen wir nicht, offensichtliche Melodien als Themen in den üblichen Registrierungen zu verwenden, sondern Energiefluss aus den rhythmischen Balancen und verschiedenen ›Themen‹ zu gewinnen, die das Ohr verführen. Dieses Mal geht es weniger um pulsierende Sound-Patterns, sondern vielmehr um melodische Entwicklungen – mit kleinen Melodien, die ihre eigenen Fugato-Energien ausbilden«, sagt Nik Bärtsch.»Llyrìa« ist das dritte beim Münchner Label ECM erschienene Album von Ronin. Es folgt jenen Richtungen, die bereits auf »Stoa« (2005) und »Holon« (2008) eingeschlagen wurden, aber entwickelt diese konsequent weiter. Die Llyrìa ist übrigens ein kürzlich entdeckter leuchtender Bewohner der Tiefsee, eine Kreatur, von der Biologen unsicher sind, wie sie sie einstufen sollen. Doch tief unten im Abgrund, wo der Druck gewaltig ist, gleitet sie flink, mit kühler poetischer Anmut. Bärtsch genießt dieses Bild: ein naher Nachbar auf diesem Planeten, über den wir so wenig wissen. Kompositionen können sich ebenfalls eigenartig entwickeln, betont er.

Infos:
www.nikbaertsch.com
www.banryu.ch

  • 21.09.2011
  • Jazz
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 12/2010
  • Seite 30-31

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