Skepsis und Neugier: Was bringen »eingefrorene« Instrumente?

Die Reaktionen reichen von Neugier über Skepsis bis hin zu Unverständnis. Es geht um das – salopp gesagt – »Einfrieren von Blasinstrumenten«. Wir haben uns der Sache mal angenommen.

Clarino-Kolumnist und Blechblas-Experte Malte Burba rät in seiner monatlichen Kolumne: »Wenn man Ihnen wahre Wunder offeriert, sollten Sie immer besonders kritisch sein! (...) Investieren Sie Ihre Energie lieber in Üben!«

Es werden zwar keine Wunder versprochen, dennoch zeigt sich Rüdiger Baldauf überrascht: »Das Cryo-Tuning hat sich erstaunlich positiv auf den Klang meines Flügelhorns ausgewirkt. Der Klang ist in jeder Lage ausgewogener, es gibt keine ›Schwachtöne‹ mehr. Auch ist es kein temporäres Resultat, die positive Veränderung bleibt dauerhaft erhalten.«

Andy Haderer schlägt in die gleich Kerbe: »Nach der Tieftemperaturbehandlung finde ich meine Trompete leichter ansprechend. Ich habe das Gefühl, dass die Töne besser einrasten und sich das Instrument nun zentrierter und offener spielen lässt. Töne, die vorher etwas mühevoller für mich waren, gelingen jetzt viel einfacher. Die Trompete ist insgesamt ausgewogener im Klang. Ich bin erstaunt über die positiven Veränderungen.«

Wir haben uns mit Georg Selders von der Firma CryoService unterhalten, der sich seit 2015 sehr intensiv mit der Tieftemperaturbehandlung von Musikinstrumenten beschäftigt.

Woher stammt das Prinzip »soundfresh«?

Das Prinzip der Tieftemperaturbehandlung von Musikinstrumenten ist nicht neu und wird schon seit vielen Jahren in den USA erfolgreich praktiziert. Einige Hersteller in den USA und Japan verwenden die Tieftemperaturbehandlung sogar in ihrem Standardfertigungsprozess. In Europa ist das Verfahren jedoch noch relativ unbekannt. Unter dem Namen »soundfresh« biete ich Musikern und Instrumentenherstellern ein speziell auf die Behandlung von Musikinstrumenten abgestimmtes Verfahren an.

Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?

Als mich Anfang letzten Jahres während einer Probe unser Saxofonist fragte, ob ich schon mal etwas davon gehört hätte, dass man bei Yamaha in den USA Saxofone »einfriert«, um die Performance zu verbessern, hielt ich dies ehrlich gesagt für einen Scherz. Als er mir am nächsten Tag dann einige Links schickte und mir deutlich wurde, dass es sich hierbei wirklich um ein interessantes Thema handelt, habe ich mich sehr intensiv damit auseinander­gesetzt, eigene Erfahrungen gemacht, mit Musikern das Verfahren getestet und mich dann dazu entschieden, dieses Verfahren auch von Deutschland aus professionell anzubieten.

Was wird genau gemacht?

Bei der »soundfresh«-Behandlung wird das Instrument bei Raumtemperatur in eine speziell dafür konzipierte Truhe gelegt. Die Behandlung erfolgt am kompletten Instrument, eine Demontage ist nicht notwendig. Der Innenraum der Truhe wird über mehrere Stunden unter Zuhilfenahme von Stickstoff mit ca. 1 bis 2 Grad Celsius pro Minute bis auf –180 Grad heruntergekühlt. Die Abkühlung ist ein indirekter Prozess, bei dem die Instrumente nicht mit dem flüssigen Stickstoff in Berührung kommen. Demzufolge kann auch kein Temperaturschock entstehen. Nach mehreren Stunden Verbleibzeit werden verschiedene Aufwärm- und Abkühlphasen durchlaufen und zum Abschluss wird die Truhe wieder genauso langsam auf einige Grad über Raumtemperatur erwärmt.

Instrumente, salopp gesagt, »einzufrieren und wieder aufzutauen« – schadet das nicht dem Material?

Wenn wir von »Einfrieren und Auftauen« sprechen, denkt wohl jeder zunächst an seine eigene Gefriertruhe zu Hause und das gefrorene Brathähnchen, das man dort herausnimmt, überzogen mit einer Eisschicht. Die »soundfresh«-Behandlung arbeitet aber mit einem ganz anderen Prinzip. In die Truhe gelangt nur ganz trockenes kaltes Stickstoffgas. Dadurch kann sich keine Feuchtigkeit in der Truhe bilden und es kann nicht zu einer Eisbildung kommen. Dementsprechend kommt es bei der Aufwärmung auch nicht zu einem Tauprozess, wie man ihn zum Beispiel von Lebensmitteln kennt. Sogar sensible Materialien wie Papier oder zum Beispiel Polster von Holzblasinstrumenten durchlaufen diesen Prozess unbeschadet.

Gibt es trotzdem Risiken bei bestimmten Instrumenten?

In der Regel können alle Instrumente mit dem »soundfresh«-Verfahren behandelt werden. Kritisch im Bereich der Tieftemperaturbehandlung sind dabei fest verbundene oder geleimte Materialien mit unterschiedlichen Ausdehnungskoeffizienten zu betrachten. Aus diesem Grund berate ich jeden Musiker und prüfe jedes Instrument individuell, bevor es von mir behandelt wird.

Was genau passiert denn bei diesem Prozess mit dem Instrument?

Bei der Herstellung von Blasinstrumenten wird das Material erwärmt, gebogen, gelötet usw. Hierdurch entstehen unterschiedliche Materialspannungen, die das freie Schwingen negativ beeinflussen können. Durch die »soundfresh«-Behandlung werden diese Spannungen gelöst oder beseitigt. Dies zeigt sich auch nach Reparaturen oder Generalüberholungen als sehr nützlich.

Musiker sind erfahrungsgemäß skeptisch – aber auch neugierig: Ist das nicht nur Placebo?

Nein, auch Profimusiker wie Andy Haderer, Rüdiger Baldauf, Ulli Haas, Andrew Joy und viele weitere Musiker, die in der Lage sind, ein Instrument sehr neutral beurteilen zu können, bestätigen den Effekt der »soundfresh«-Behandlung und den Unterschied zwischen behandelten und unbehandelten Instrumenten gleichen Typs. Wir haben dazu auch entsprechende Tests gemacht.

Gibt es wissenschaftliche Unterfütterung oder Vergleichbares aus der Industrie?

In der Stahlindustrie ist die Tieftemperaturbehandlung bereits in vielen Bereichen etabliert und deren Effekt, zum Beispiel durch etliche Studien und Abhandlungen, belegt. Da das Verfahren speziell für Musikinstrumente bislang in Europa noch relativ unbekannt ist, ist daher auch die wissenschaftliche Belegung noch nicht sehr umfangreich. Es laufen derzeit jedoch einige Tests und Untersuchungen, die die Veränderungen im Hinblick auf Klang- und Schwingungsverhalten und den Einfluss auf die verschiedenen Materialien auch wissenschaftlich belegen sollen.

Welche Effekte erzielen Sie mit dem »soundfresh«-Verfahren konkret?

Die meisten Musiker berichten übereinstimmend über eine leichtere Ansprache des Instruments und besser einrastende Töne. Darüber hinaus bekomme ich auch regelmäßig die Rückmeldung, dass sich vorher etwas problematische Töne jetzt leichter spielen lassen. Insgesamt weisen die Instrumente einen deutlich offeneren Klang und ein sehr ausgewogenes Spielgefühl auf.

Für wen eignet sich die Behandlung? Ist das genre- oder niveauabhängig?

Bezüglich Genre und Niveau gibt es keinerlei Einschränkungen. »soundfresh« ist etwas für jeden, der das Optimierungspotenzial nutzen möchte. Es ist geeignet für Profis und Semiprofis, die ihr Instrument bis ins feinste Detail beherrschen und kennen, bis hin zum Amateur, der sich einfach darüber freut, dass das Instrument leichter spielt. Die »soundfresh«-Behandlung lässt sich für nahezu alle Instrumente aus den verschiedensten Musikrichtungen anwenden, ob neu oder alt. Im Streichinstrumentenbau bietet sich die Behandlung für Grundkörper an.

Hier lässt »soundfresh« das Holz reifen, ein Vorgang, der sonst Jahre dauert und der den Klang des späteren fertigen Instruments optimiert. E-Gitarren können komplett behandelt werden und erhalten einen speziellen Vintage-Sound und -Look. Und auch im Bereich Drums & Percussion wurden schon Erfolge erzielt. Aber auch für Saiten, elektronische Komponenten, Kabel, Röhren und Zubehörteile ist »soundfresh« geeignet.

Was sind die Kosten für die Behandlung?

Die Kosten sind abhängig von der Größe und dem Gewicht des Instruments, angefangen bei der Querflöte zu 95 Euro über die Trompete bis zu größeren Instrumenten wie der Tenorposaune zu 275 Euro. Es ist also keine kostspielige Investition notwendig, um sich selber ein Bild von den positiven Effekten einer solchen Behandlung zu machen. Zumal eine weitere Besonderheit dieses Verfahrens ist, dass es nur ein einziges Mal angewandt werden muss, um das positive Ergebnis dauerhaft zu erhalten.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft zum Thema »soundfresh«?

Da dieses Thema in Europa erst in den Kinderschuhen steckt, sehe ich für die Zukunft ein großes Potenzial an Anwendungsbereichen für Musikinstrumente unterschiedlichster Richtungen. Besonders viel Spaß macht mir dabei die Zusammenarbeit mit den Musikern. Ihre positiven Reaktionen bestätigen meine Arbeit und motivieren mich, dieses Thema weiterzuverfolgen.

www.soundfresh.de

Dateien:

  • 29.06.2016
  • Test
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 7-8/2016
  • Seite 56-57

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