Sidney Bechet: Der erste Saxofonist des Jazz

Er war der erste Musiker, der das Konzept eines »Jazzsolos« verfolgte. Der Jazzpionier Sidney Bechet (1897 bis 1959) liebte die Expressivität, den Blues, das Vibrato, die Lautstärke. Seine Klarinette ersetzte er daher schon früh durch ein Sopransaxofon und wurde so ganz nebenbei der erste wirkliche Saxofonist des Jazz.

Im Jahr 1919, als ein Louis Armstrong gerade erst begann, auf den Mississippi-Dampfern zu musizieren, präsentierte sich Sidney Bechet bereits vor erlesenem Publikum im fernen Europa. Der Dirigent Ernest Ansermet, ein Förderer von Avantgardisten wie Strawinsky und Ravel, nannte den Gast aus New Orleans einen »genialen Künstler«, der »perfekt geformte Bluesstücke auf der Klarinette« spiele. Sogar vor dem englischen König George V. trat Bechet damals auf.

Mit dem Saxofon zum Frontmann

Seinen London-Aufenthalt nutzte er außerdem dazu, eine entscheidende Weiche für seine Karriere zu stellen. Denn mochte sein Klarinetten-Blues noch so perfekt sein, gegen einen lauten Kornettisten kam sein Instrument nicht an. Die Rolle der Klarinette im New-Orleans-Jazz war eine dienende, umspielende, ausschmückende. Sidney Bechet aber fühlte sich als Führungsspieler, als Frontmann, als Star.

Kurzum: Er brauchte ein lauteres Instrument. 1919 in London legte er sich ein gestrecktes Sopransaxofon zu. Saxofone galten damals als Clowns- und Zirkuströten und hatten den Schritt in den Jazz noch nicht gemacht. Sidney Bechet wurde zum Pionier.

Wie ein Trompeter ohne Trompete

Seine ersten Plattenaufnahmen (»Wild Cat Blues«) machte er 1923 auf dem Sopransaxofon und nicht auf der Klarinette. Obwohl ein Kornettist mit dabei war, dominierte Sidney Bechet die Band mit seinem breiten, expressiven Vibrato. Ein Jahr später kam es im Studio auch zum »Duell der Giganten« mit Louis Armstrong. Bechet umspielte Armstrongs Kornett zunächst mit Klarinetten-Linien, wechselte dann aber aufs Sopransaxofon und glänzte solistisch wie ein »Trompeter ohne Trompete«.

Die Instrumentierung der Band – »Clarence Williams’ Blue Five« – wurde übrigens zum Vorbild für Louis Armstrongs berühmte »Hot Five«. Williams, der damals zahlreiche Plattenaufnahmen organisierte, verschaffte Bechet in New York die Studio-Jobs, vor allem als Begleiter von Blues-Sängerinnen.

Duke Ellington nannte ihn seinen Lieblingsmusiker und holte ihn als Gast in seine Band. Für Ellingtons Hauptsolisten Johnny Hodges war Bechet sogar eine Art Lehrer. 1925 eröffnete er ein eigenes Jazzlokal in Harlem, den »Club Basha« – die Schreibweise sollte es den Leuten erleichtern, den Namen »Bechet« richtig auszusprechen. Doch kaum erreichte ihn das Angebot, wieder nach Europa zu gehen, ließ er seinen Club im Stich und stieg aufs Schiff.

  • 20.07.2018
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 7-8/2018
  • Seite 50-51

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