Sehnsucht nach der Stille - Über den Steinzeitmenschen in uns

  • 20.01.2017
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 2/2017
  • Seite 28-31

In einer lauten, schnellen, reizüberfluteten Welt sehnen wir uns immer öfter nach Stille. Es ist ein Reflex, der tief in unseren Genen verankert ist. Denn die Stille ist der Ort, wo der Mensch zum Menschen wurde und die Musik zur Musik.

Meine Großeltern lebten in einem kleinen Bauerndorf. Vor ihrem Haus, direkt unter dem Wohnzimmerfenster, gab es einen Misthaufen. Im Stall daneben hatten sie drei, vier Kühe stehen, die jeden Morgen um fünf Uhr gemolken wurden. Außerdem gab es bei meinen Großeltern einen Schweinekoben, einen Hühnerstall im Hof, einen Taubenschlag unter dem Dach, ein Meerschweinchen-Gehege auf einer Wiese. Auch Katzen und Hunde lebten auf dem Hof.

Meine Großeltern arbeiteten hart, sie besaßen mehrere Felder, Äcker und Obstwiesen. Sie genossen es, wenn sie am Abend oder am Wochenende einmal längere Zeit einfach in ihrem Sessel sitzen konnten. Hin und wieder hörte man ein Auto durchs Bauerndorf fahren, manchmal kam ein Traktor vorbei. Meine Großeltern hatten weder einen Fernseher noch ein Telefon.

Mittags schalteten sie gerne das Radio an, um Nachrichten zu hören. Einen Plattenspieler besaßen sie auch. Sie freuten sich über die Ruhe nach der Arbeit und über einen guten Schlaf. Aber sie hatten kein besonderes Bedürfnis nach Stille – außer wenn ihr Enkel zu lange durchs Haus tobte.

Akustischer Stress

Die Stille ist für uns heute nur deshalb ein Thema, weil unsere Umwelt so gellend laut und so atemlos betriebsam geworden ist. Ein ständiger Strom von Tönen, Worten, Bildern, Daten, Messages, Signalen und Erwartungen stürzt auf uns ein. Wir erleben die Flut der Geräusche als akustischen Stress, der uns zusetzt.

Verkehrs- und Baustellenlärm, laute Menschenmassen, quasselnde Bildschirme, piepsende Smartphones, trötende Lautsprecher – unser Gehirn registriert all diese Geräusche, es wird ständig gefordert. Wenn wir gestresst sind, können wir sogar die Stimmen spielender Kinder oder das Rattern von Jalousien oder an sich angenehmer Musik als nervenzehrenden Lärm empfinden.

Dann sehnen wir uns sehr stark nach Stille – nach dem Augenblick, in dem wir aufatmen und entspannen können. Erst wenn der Strom der ständigen Informationen einmal abreißt, kann unser Gehirn herunterschalten. Erst dann kann es sich auf anstehende Entscheidungen konzentrieren, kann all die empfangenen Informationen kognitiv verarbeiten, kann neue Zellen und Synapsen bilden. Erst dann entwickeln wir uns weiter.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Akustik und Blasmusik: Schall und Rauch?":

« zurück