Schwerpunktthema: Wettbewerbe - Sinn und Zweck musikalischer Leistungsvergleiche

Nahezu unser gesamtes Leben wird durch Wettbewerb, heute sagt man gern auch Ranking, bestimmt. Zweckfreies Tun ist ein Luxus, den sich in unserer Gesellschaft kaum einer leisten kann, ohne durch die festgeschriebenen Raster einer Bewertung zu rutschen, die seiner Tätigkeit erst Sinn und Anerkennung zu verleihen scheinen.

Speziell unsere europäische Musik ist als allumfassende, kommunikative Kunst in besonderer Weise an Regeln und Bewertungen geknüpft. Der interpretatorische Drang eines Musikers wird immer von der Inhaltlichkeit einer Komposition gelenkt. Sein Streben soll stets den Willen des Komponisten widerspiegeln und gleichzeitig seine verlebendigende, persönliche Sicht eines Kunstwerks mit beinhalten.

Das Unsagbare verständlich machen

Unsere Kunstmusik, auch die Blasmusik, kann per se als eine hochdifferenzierte Wettbewerbskultur bezeichnet werden, da die für die Gestaltung notwendigen instrumentalen Fertigkeiten nur sehr schwer erlernbar sind, um mit den umfassenden geistigen Inhalten der Musik und deren Hörbarmachung positiv korrelieren zu können.

Je größer eine Musiziergemeinschaft ist, desto notwendiger wird ein ausgewogenes Leistungsniveau, damit ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk zu einem überzeugenden Ganzen verschmelzen kann. Jeder, der sich mit Musik befasst, also auch der Lehrende, muss sich deshalb wohl oder übel dem Wettbewerbsgedanken stellen und nach pädagogischen Wegen suchen, die den Lernenden zu individuellen Höchstleistungen führen, ohne ihn einem zerstörerischen Druck auszusetzen.

Kindlich versus kindisch

Ich erinnere mich lebhaft an pädagogische Diskussionen an Musikschulen oder in Vereinen über den richtigen Weg, Musik mit all ihren Facetten und Anforderungen zu vermitteln. Oft ging ein Riss durch das Lehrerkollegium.

Die einen waren der Meinung, man dürfe die »zarten kindlichen Seelchen« nicht überfordern, es solle doch alles nur »Spaß« machen und die anderen, meist die Vertreter des klassisch-traditionellen Instrumentariums der Kunstmusik, vertraten den Standpunkt, Spaß könne nur etwas machen, das man beherrsche. Mittelmaß führe bei der allgemeinen medialen Vergleichbarkeit musikalischer Leistungen eher zur Frustration und Lustlosigkeit.

Der Komponist und Musikerzieher Karl Michael Komma formulierte 1989 in seinen »10 Thesen zur Musikerziehung« unser Anliegen einer tiefgehenden und ausdeutenden Auseinandersetzung mit Musik mit folgenden Worten: »Der oft und zu Recht karikierte, monomane Musikant, der sich mit seinem Geklimper oder Gefiedel selbst genügt, ist nicht die Zielfigur echter Musikerziehung. Aus dem Spiel und dem durch die Regeln erwachsenden Ernst der Kunst wird nicht ein autistischer, sondern ein geselliger Mensch, der im sozialen Miteinander viel bewirken kann.«

In diesem Spannungsfeld von träger Selbstgenügsamkeit und dem Drang nach hoher künstlerisch-musikalischer Meisterschaft bewegen sich unsere musikalischen Bildungsbemühungen und letztlich auch unsere Musikkultur im Ganzen – einschließlich des Wettbewerbsgedankens.

Erkennen von Stärken durch Vergleich

Wenn wir also über Sinn und Zweck von Wettbewerben nachdenken, sollten wir uns speziell im Amateurbereich in erster Linie an den immer vorhandenen Ressourcen der Ausführenden und deren Pflege orientieren. Wettbewerb bedeutet auch Entwicklung, Kenntnis- und Erkenntnisgewinn und sollte nicht so sehr nur das bloße Abfragen »objektivierbarer« Leistungen beinhalten.

Diese sind ohnehin nur schwer zu definieren. In jeder tiefen musikalischen Gestaltung ist so viel Geheimnisvolles enthalten, das immer auch die Bewertung durch Juroren subjektiv werden lässt, noch dazu, weil diese ebenfalls persönlichen Vorlieben und interpretatorischen Prioritäten unterliegen.

Auch sollten Wettbewerbe nicht nur merkantilen Ambitionen dienen oder Ruhmsucht und Eitelkeit befriedigen; dafür ist Musik zu kostbar.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Sinn und Zweck musikalischer Wettbewerbe":

  • 20.08.2015
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 9/2015
  • Seite 30-34

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