Schwerpunktthema: Weltreisen und Aha-Effekte - Über klassische Konzertprogramme

Welche Stücke passen im Konzert zusammen? Muss man stilistische Grenzen einhalten oder ist alles erlaubt? Braucht ein Konzert ein Motto? Diese Fragen stellt man sich bei philhar­monischen Orchestern ganz genauso wie im Blasmusik­verein. 

Wer echte Fans hat, muss sich über sein Konzertprogramm nicht groß Gedanken machen. Bei – sagen wir – Lady Gaga oder Udo Jürgens genügen schon ihr Name und Bild auf dem Veranstaltungsplakat, damit die Hörer in Massen zum Vorverkauf strömen. Mehr noch: Würde Udo Jürgens sein Programm präzisieren und etwa ankündigen, er werde im Konzert »keinen der großen, alten Erfolge« spielen, könnte das ­womöglich sogar einen Teil seines Publikums abschrecken. Man darf sich getrost darauf verlassen: Udo singt alles querbeet, »Merci Chérie« von 1966 und »Ich war noch niemals in New York« von 2001 – für jede(n) etwas. »Udo Jürgens« ist Programm genug.

Im Klassik-Bereich gibt es ebenfalls Künstler, bei denen die Nennung des Namens vollauf genügt. Die Klarinettistin Sabine Meyer zum Beispiel. Oder der Trompeter Ludwig Güttler. Aber auch ein Ensemble wie das Raschér Quartet, eines der weltweit renommiertesten klassischen Saxofonquartette, besitzt einen verlässlichen Stamm von Verehrern. Wenn ein Fan klassischer Saxofonmusik die seltene Möglichkeit bekommt, ein Konzert der »Raschérs« zu besuchen, fragt er nicht lange, ob da ­Xenakis, Glass oder eine Uraufführung auf dem Programm steht. Der Raschér-Fan ­akzeptiert auch Bach gemischt mit Pen­derecki. Das ist der Vorteil eines klanglich, stilistisch oder regional spezialisierten Ensembles: Es gibt einen Kreis von Anhängern, denen das Repertoire weitgehend schnuppe ist. Wenn das lokale sinfonische Blasorchester spielt, gehen die Bläserfans des Ortes einfach grundsätzlich hin – und natürlich alle, die einen Freund, eine Nichte oder eine Nachbarin im Orchester wissen. Das Programm darf dann ruhig ein buntes Durcheinander sein: Opernmelodien, Popnummern, Filmklassiker – eben für jede(n) etwas.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas:

  • Konzertdramaturgie - Wie lockt, wie fängt, wie bindet man ein Publikum? (von Klaus Härtel)
  • Kopf oder Bauch? - Konzertdramaturgie in Blasorchestern (von Stefan Fritzen)
  • Weltreisen und Aha-Effekte - Über klassische Konzertprogramme (von Hans-Jürgen Schaal)
  • Gut gesessen ist halb gewonnen (von Christine Engel)
  • Das Jazzkonzert - Anmerkungen aus der Praxis (von Hans-Jürgen Schaal)
  • 22.05.2012
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 6/2012
  • Seite 30-31

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