Schwerpunktthema: Theinerts Thema: Haben Dirgenten Lampenfieber?

  • 20.05.2015
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 6/2015
  • Seite 27-29

Lampenfieber scheint hauptsächlich Instrumentalisten und Sänger zu betreffen. Und der Dirigent? Muss der Mann am Pult nicht noch mehr Lampenfieber haben? Schließlich wird man da vorne ja von zwei Seiten betrachtet.

Herr Theinert, Lampenfieber kennt man vor allem von Musikern, Schauspielern und Sängern. Sind Dirigenten auch nervös?

Grundsätzlich kann jeder, der vor Publikum agiert, mit dem sogenannten Lampenfieber zu kämpfen haben. Auch Dirigenten bleiben von diesem Phänomen nicht verschont – wenngleich ich selbst diesen Zustand kaum kenne. Aber ich habe mit meinen Studenten die völlig normale Erfahrung gemacht, dass bei ihnen immer dann Nervosität aufkommt, wenn eine Situation für sie neu ist oder Unwägbarkeiten birgt. Derlei Ungewissheit entsteht auch dann, wenn etwa ein Konzertprogramm ungenügend vorbereitet werden konnte, oder man befürchtet, die Erwartungen eines Publikums nicht erfüllen zu können, auch wenn oder gerade weil wir diese gar nicht kennen. Hiervon besonders betroffen sind natürlich diejenigen Persönlichkeiten, die überhaupt gar kein Bedürfnis verspüren, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Das trifft aber letztendlich auf jede andere Berufsgruppe ebenfalls zu. Um auf die Frage zurückzukommen: Ja, Nervosität existiert auch bei Dirigenten. Die Ursachen sind ähnlich wie bei Instrumentalisten. Durch die besondere Verantwortung, die der Dirigent für das Gelingen einer Aufführung innehat, wird dieser Zustand eventuell noch etwas verstärkt.

Resultiert dieses stärkere Gefühl der Nervosität daher, dass der Dirigent von zwei Seiten unter Beobachtung steht? Auf der einen Seite vor ihm sitzen die Musiker, das Publikum hat er im Rücken…

Sicherlich. Bereits in der Probe kann ein Dirigent vor dem Orchester nervös werden. Dies wird in hohem Maße bei der ersten Begegnung mit einem neuen Ensemble der Fall sein: Der Orchesterleiter hat Sorge, mit den Individuen, die vor ihm sitzen, nicht ausreichend zu kommunizieren, die Bedürfnisse des Orchesters im Hinblick auf seine eigenen musikalischen Impulse nicht zu befriedigen, den richtigen Ton bei Korrekturen nicht zu treffen oder das Tempo der Probenarbeit unangemessen vorzugeben. Er möchte das Orchester weder überfordern noch langweilen. Da können also viele Sorgen und offene Fragen in der Probe aufgeworfen werden. Geht man nun nach der Probenphase ins Konzert hinein, sind diese Themen zumeist abgearbeitet, da sich Dirigent und Orchestermusiker ja kennengelernt und miteinander gearbeitet haben. Während der Aufführung wird man dann eher von einer anderen Warte aus, durch das Publikum und den Erwartungsdruck stimuliert.

Gibt es Strategien, Nervosität zu bekämpfen?

Ich habe in meiner eigenen Erfahrung wenig Praxis mit Nervosität. Aber ich bekomme immer wieder mit, was die Ursachen sind. Natürlich gibt es eine ganz spezielle Form der Nervosität, die auch ich kenne: Wenn ich die Gewissheit habe, die Aufführung nicht ausreichend vorbereitet zu haben. Das mag an der Probensituation oder am Stück gelegen haben oder mit anderen Kriterien zusammenhängen, die das musikalische Erleben unter Umständen nicht mehr ermöglichen – wie etwa die kurzfristige Erkrankung eines Schlüsselspielers im Orchester. Das heißt, ich bin gezwungen, etwas zu versuchen, von dem ich genau weiß, dass es schwer bis unmöglich wird. In dieser Unmöglichkeit des Gelingens kann der beste Dirigent nicht mehr bestehen. Da gibt es dann einen echten Grund, nervös zu sein. Einer solchen Form der Nervosität kann ich natürlich nur begegnen, wenn ich ihre Ursachen identifiziert habe, indem ich etwa dafür Sorge trage, dass vor den Aufführungen ent­sprechend genügende Probenzeit zur Verfügung steht und schwierige Situationen soweit wie möglich vermieden werden. Das klassische Lampenfieber hingegen hat nicht unbedingt mit der fehlenden Vorbereitung zu tun, sondern tritt erst dann zutage, wenn der Künstler im Rampenlicht steht.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Nervenaufreibend – Musik zwischen Genuss und Schaden":

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