Schwerpunktthema: Theinerts Thema - "Die Wirkung bleibt die gleiche"

Engelbert Humperdinck steht auf dem Programm. Vor allem Giuseppe Verdi. Aber auch Jan van der Roost und Rossano Galante. Die Mannheimer Bläserphilharmonie wird beim diesjährigen Nikolauskonzert am 7. Dezember Musik aus drei Jahrhunderten präsentieren. Wir sprachen mit dem Dirigenten Markus Theinert. Dies ist übrigens der Auftakt einer neuen, regelmäßigen Rubrik in dieser Zeitschrift.

Herr Theinert, Sie musizieren sozusagen »über Epochen hinweg«: Wie stellt man sich in der Vorbereitung auf ein Konzert auf verschiedene Epochen ein? Tut man das überhaupt?

Die Inspiration zu dem Stück wird im Wesentlichen von der Zeit ­geprägt, in der der Komponist gelebt hat. Wir alle haben eine ­in­nere Vorstellung von dem Klang, und die Vorstellung kann nur dann lebendig werden, wenn ich auch den lebendigen Klang erfahren habe. Da wir natürlich wissen, dass die Orchesterinstrumente vor 200 Jahren anders geklungen haben als heute, ist das jeweilige Klangbild für den jeweiligen Komponisten natürlich ein wesent­licher Leitfaden für die Art und Weise, wie er verschiedene Klänge miteinander kombiniert. Insofern muss sich auch der Dirigent beim Studium einer Partitur in diese Zeit hineinversetzen. Tut er das nicht, läuft er Gefahr, dass mit modernen Mitteln, mit dem modernen Instrumentarium die eigentliche Idee der Komposition nicht mehr zum Tragen kommt. Im schlimmsten Fall wird sie sogar von der Klangvielfalt eines modernen Orchesters überdeckt.

Muss ich also einen Verdi von vor 200 Jahren in die moderne Zeit »übersetzen«?

Auch das Studium von Verdi ist, wie bei jedem anderen Kompo­nisten, vom Studium der Harmonien, der Intervalle und der Rhythmen geprägt. Die musikalischen Elemente bleiben auch über die Zeiten hinweg dieselben. Die Wirkung einer Quint auf das menschliche Bewusstsein war zu Verdis Zeiten die gleiche wie wir sie auch heute empfinden. Aber die Farben und Klänge, mit denen er sie ausdrückt, haben sich verändert. Eine Posaune zu Verdis Zeiten etwa war in der Mensur wesentlich enger gebaut als eine, die wir heute im modernen Blasorchester verwenden. Hier muss man sich Gedanken machen, mit welchen Mitteln man die Partitur adäquat zum Klingen bringt. Das bedeutet auch, dass man sich des Ein­flusses, den eine solche Klanglichkeit zum Beispiel auf das Tempo hat, bewusst wird. Klingt es reicher und voller, werden die Tempi unter Umständen ein wenig breiter. Klingt es schlank und beweglich wie zu Verdis Zeiten, dann ist das Tempo entsprechend etwas flüssiger. Aber die Möglichkeit, die Uhr zurückzudrehen, habe ich nicht – es sein denn, wir würden uns entscheiden, mit historisch ­authentischen Instrumenten zu musizieren.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Auf Zeitreise - Musizieren über Epochen hinweg"

  • 21.10.2014
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 11/2014
  • Seite 38-39

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